Texte


Unsichtbare Verbindung



Es war einmal auf einem Planet ein böser König. Er quälte die Kinder und die Erwachsenen, hasste alle, da er ein böser Tyrann war.
Einmal an einem Sommertag blickte der König aus dem Fenster und sah an der Mauer seines Palastes einen Wanderer, um den sich die Menschen versammelt hatten. Der Wanderer erzählte etwas, und die Menschen lachten darüber. Dem bösen König gefielen das Gelächter und die Freude nicht. Er hat der Leibwache befohlen, diesen Menschen zu fassen und in den Kerker zu sperren. Und so geschah es auch.
So langsam ging der Tag zu Ende. Der König ging in sein Schlafgemach, legte sich in sein wunderschönes königliches Bett und schlief ein. Er fing an zu träumen und plötzlich sah er den Wanderer vor sich stehen!
-Was machst du in meinem Schlafzimmer! -schrie der König ganz laut, - du sollst doch im Kerker sitzen!
-Ich muss gar nichts, -antwortete lächelnd der Wanderer, - ich bin kein einfacher Mensch sondern ein Zauberer. Und deshalb werden wir uns jetzt auf eine Reise begeben.
-Wache! - schrie der König erschrocken, aber es war schon zu spät. Ihm würde plötzlich schwindlig, das ganze Zimmer drehte sich im Kreis und
verschwand.
Auf einmal tauchte der König in einer schönen Stadt voller Menschen auf.
Es war etwas Seltsames an diesem Bild. Aber als er genauer hinsah erkannte er, dass alle Menschen miteinander mit feinen leuchtenden Fäden verbunden waren. Außerdem wurden solche Fäden auch von Menschen zu den Tieren und den Pflanzen gezogen.
- Was ist das? - fragte der König erstaunt. Er konnte leicht durch die Fäden gehen, wie durch Lichtstrahlen ohne diese aber zu beschädigen.
-Diese Fäden verbinden alles Leben auf diesem Planeten. Alle ihre Bewohner hängen voneinander ab, und von ihnen hängen die Tiere und die Pflanzen ab. Sie sind wie Teile eines einzigen Organismus. Diese Fäden sind eine Energie des Guten und der Liebe, die allen ermöglicht froh und glücklich miteinander zu leben. Diese Verbindung zerstört sich durch Bosheit, Hass, Tücke und Habsucht der Menschen. Dadurch stürzt auf die Menschen Not, Kummer und Leid. Sogar wenn man einen Menschen schlecht behandelt, kann man den Niedergang und die Krisen vieler Menschen herbeirufen! Die Tiere und Pflanzen können dadurch ebenso verderben. Das ganze Leben kann dadurch zerstört werden.
-Unsinn, -sagte der böse König, -was ist das für ein seltsamer Planet?!
- Das ist dein Planet, - antwortete der Zauberer. - ich habe dir einfach die Möglichkeit gegeben, das Ganze zu sehen, dass ansonsten unsichtbar ist, aber existiert. Wenn du etwas Böses machst, zerstörst du nicht nur die umgebende Welt und deren Frieden, du wirst schließlich auch dich selbst zerstören.
- Unsinn! So was kann doch nicht sein! -sagte der König aufbrausend.
In dem Moment gingen sie über eine Brücke und der böse König hatte einen Passanten, der sich beeilte und den König unabsichtlich berührte, in den Fluss hinunter gestoßen. Der Zauberer hat nur vorwurfsvoll mit dem Kopf geschüttet und war verschwunden.


Der König wurde wach, die seine Laune war abscheulich. Er schickte sofort die Wache um nachzuprüfen ob der Wanderer sich noch im Kerker befand. Aber der Kerker war leer. Der Zauberer war tatsächlich verschwunden. In seiner Wut hatte der böse König den Henker gerufen, um die Wache hinzurichten zu lassen, obwohl dieser am Verschwinden des Wanderers unschuldig war. Aber der Henker wurde plötzlich blind, so wie fast alle Einwohner des Planeten in diesem Moment blind geworden waren. Die Blindheit hatte ein vorbei fliegender feuriger Stern ausgelöst.-Wo waren die Sterndeuter? - brüllte der König. Nach einiger Zeit, wurde aufgeklärt, dass die Sterndeuter über den feurigen Stern schon längst Bescheid wussten und einen Botschafter gesandt hatten um alle zu benachrichtigen. Aber den Botschafter hatte jemand von der Brücke gestoßen und war jämmerlich ertrunken.
Die Mehrheit der Bewohner des Planeten verlor ihre Sehkraft. Die Wächter der Ordnung erblindeten, ebenso die Hausmeister und in den Straßen der Städte war das Chaos ausgebrochen. Die blinden Bauer konnten auf den Feldern nicht arbeiten und seine Tiere sorgen. Die häuslichen Tiere waren vor Hunger in den Wald geflüchtet. Alle Blumen verwelkten, weil keiner sie gießen konnte. Die Gärten verwilderten. Niemand konnte arbeiten und keiner konnte den König bedienen.
Der hungrige, erschrockene und unglückliche König hatte sich in seinem Gemach eingesperrt.
Und plötzlich sah er den Zauberer wieder. Der böse König wollte vor Wut auf den Zaubere losspringen, aber plötzlich sah er einen leuchtenden Faden der sie beide miteinander verband.
- Das ist doch die Wahrheit? - schrie der König und hielt sich den Kopf vor Schreck.
- Freilich, - hat der Zauberer geantwortet. - Jetzt siehst du selbst, wie alles miteinander verbunden ist, wie wir voneinander abhängig sind. Ich habe dir die Chance gegeben es zu sehen.
Und was hast du gemacht?
-Und was tun wir jetzt? -fragte der König verzweifelt, - wie können wir das alles rückgängig machen?!!
Aber der Zauberer lächelte nur und löste sich in Luft auf.
Der König erwachte plötzlich und schaute aus dem Fenster.
Draußen war ein schöner Sommertag, die Menschen gingen vorbei, alles war wie üblich. Um die Mauern seines Palastes sah er den Wanderer, um den sich Menschen versammelt hatten. Der Wanderer erzählte etwas und die Menschen lachten.


-Wache! -schrie der König, in diesen Moment wurde er nachdenklich, -geht zu dem Mann, bietet ihm Obdach und Essen an und fragt ihn, ob er noch etwas anderes benötigt.
Und als er das sagte, sah er dass alles mit leuchtenden Fädchen zusammen verbunden war.
Und das verhieß, dass alle gut, lange und glücklich leben würden. Im Glück und Freude, in Eintracht und Liebe.

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~ DIE ABSICHT DES WILLENS ~
„Die Eiserne Wand durchbrechen & zur Göttlichkeit Reifen“ 

Man Reift zur Götlichkeit, indem man „Sie“ oder „Ihn“ nachahmt...( wie der Sohn den Vater oder der Schüler den Lehrer )... um so dieser „Kraft“ gleich zu werden. Um mit ihr zu Verschmelzen.Und man muss verstehen, worin der Sinn dieser Verschmelzung mit dem „Höchsten“ besteht.Kann etwa der Gedanke dies erfassen ?

Die Weisen kamen mir in dieser schwierigen Frage bereits zuvor,
Und sie gaben eine Antwort: „Verschmelze mit Seinen Eigenschaften“.
So wie „ER“ der Gebende ist, so sei auch du Gebend, So wie „Er“ der Liebende,Gute und Gutes tuende ist so sei auch du es.

Die Wahl eines Individuums liegt in seiner Fähigkeit seine Wünsche,Absichten und Gedanken so zu steuern und zu korrigieren, das sie den Eigenschaften des „Höchsten“ angeglichen werden.

In der spirituellen Welt wird der Wille zu empfangen (der Wille sich mit genüssen zu füllen) als "Körper" oder "Gefäß" bezeichnet, jener Wille ist Neutral und kann nicht verändert werden, denn der „Höchste“ möchte das wir diesen nutzen um seinen ewigwährenden Genuss zu empfangen. Das „Vergnügen“ (der Genuss), wird das „Licht" genannt, welches das „Gefäß“ oder den „Körper“ erfüllt.

Der „Höchste“ erschuf ebenso die egoistische Absicht, den egoistischen Willen, welcher ausschließlich Vergnügen für sich allein empfangen möchte, welcher unseren „Körper“ unser „Gefäß“ Regiert. Dieser „egoistische Wille“ ist jedoch sehr begrenzt und nicht fähig, eine immer währende Vollkommenheit zu empfangen, denn im gleichen Augenblick, da der Wille mit dem Licht des Vergnügens gefüllt wird, wird er durch das Vergnügen ausgelöscht, und ohne den Wunsch nach Vergnügen wird das Vergnügen nicht gefühlt. Jedoch ist es unmöglich ohne das Gefühl des Vergnügens zu leben. Folglich muss ein erschaffenes Wesen immer wieder neue Wünsche produzieren, um sie zu erfüllen. So läuft ein Einzelner ständig dem Vergnügen hinterher, als wäre es das Licht des Lebens. Dennoch erfasst er das Vergnügen nie wirklich. Folglich wird der Wunsch, Vergnügen in einer direkten, egozentrischen Form zu empfangen, wie es für uns normal und bekannt ist, niemals ein wirkliches und dauerhaftes Vergnügen auf die Person übertragen.

Möge der Höchste über unser „Gefäß“ Regieren !

Da es das Ziel des „Höchsten“ ist, wie oben bereits erwähnt, die Geschöpfe mit immer währendem „Licht“ bzw. Genuss zu Füllen, erschuf er in uns das Verlangen bzw. den Willen zu empfangen. Jedoch um das unendliche Vergnügen zu empfangen, sollte dieses Verlangen folgende Eigenschaften haben:

(Um folgendes besser zu verstehen stelle man sich als Beispiel die Einnahme einer Mahlzeit vor.)

a) Das Verlangen sollte sich nicht zu der Zeit vermindern, während das Vergnügen empfangen wird.
b) Der Mangel an Vergnügen sollte auch bestehen bleiben, wenn die Person mit Vergnügen Freude und Genuss gefüllt wird, und ein Individuum sollte konstant dazu in der Lage sein, sein Verlangen zu erhöhen und ihn (den Mangel) zu erfüllen, ohne seinen Wunsch nach mehr Vergnügen zu verlieren.
c) Das Verlangen sollte so stark ansteigen, dass eine Person in der Lage ist, die größten Vergnügen des Daseins, in einer vollständigen und ewigen dauerhaften Form zu empfangen, ohne mit nur einem temporären, momentanen Vergnügen gefüllt zu werden.

Um dieses Niveau von Genuss und Freude des Vergnügens zu erreichen, muss in der Person ein anderer Mangel vorhanden sein, als der Mangel an Vergnügen. Folglich gab der „Höchste“ einem Menschen eine viel größere Fähigkeit, als nur Vergnügen zu empfangen, nämlich die Fähigkeit, den „Höchsten“ wahrzunehmen, der Quelle aller Vergnügen. Von diesem Zustand des Wahrnehmens des „Höchsten“ an, beginnt eine Person damit, sich zu wünschen einen "Willen zu schenken" zu „Geben“ zu besitzen, so wie der des „Höchsten“. Denn der Höchste hat die Eigenschaften der Bedingungslosen Liebe, des Bedingungslosen Gebens.

Da jedoch der „Höchste“ keinen Mangel hat und eine Person nichts besitzt was sie dem
„Höchsten“ geben könnte, ändert sie ihren natürlichen Willen (ihre natürliche egozentrierte Absicht) nach Vergnügen in eine entgegengesetzte Form. Sie möchte nur unter der Bedingung Vergnügen empfangen, wenn ihr Empfangen des Vergnügens dem „Höchsten“ auch Vergnügen bereitet. So empfängt eine Person ständig
„Vergnügen“, und schenkt ebenso ständig „Vergnügen“(„Licht“ bzw. Genuss).
Diese Form des Empfangens erhebt einen Menschen auf die Stufe des „Höchsten“, da die Person ein „Geber“ wird, so wie der „Höchste“ selbst.
Der Wille zu geben, den die Person erwirbt, wird nicht auf seine Fähigkeit zu empfangen begrenzt, weil sein Wille zu geben völlig davon abhängt wie groß der „Höchste“ in seinen Augen ist. Da die Größe des „Höchsten“ keine Grenzen hat, kann eine Person sich grenzenlos darin steigern dem „Höchsten zu geben bzw. zu „dienen“,ebenso unendlich, erhöht sich das daraus resultierende Empfangen von Vergnügen.

Daraus folgt, dass der Einzelne durch das Ausrichten seines Wunsches zu empfangen, mit
dem Ziel „zu Geben“ Vergnügen zu bereiten, sich von seiner persönlichen Stufe zu der
des „Höchsten“ erhebt, und mit seinen Eigenschaften verschmilzt.
Der Prozess der Umwandlung (Transformation) wird "Reinigung des Körpers" genannt, denn in den spirituellen Angelegenheiten ist wie bereits erwähnt, der „Wille“ der „Körper“.
Das Stadium des zu korrigierenden Willens enthält eine Kette von kleinen Korrekturen.
Die einzelne Tätigkeit des Korrigierens wird "Mitzvah" (Gebot) genannt. Nachdem der Wille
korrigiert ist und in den Zustand gebracht wird: „empfangen, um dem „Höchsten“
Vergnügen zu bereiten“, empfängt eine Person Vergnügen, welches das
"Licht" genannt wird. Man Transformiert den „Körper“ vom zustand des egoistischen Empfangens ( Empfangen um zu Empfangen) zum Empfangen um zu geben.
Dies geschieht stufenweise.

Das Empfangen & Geben bezieht sich nicht auf Materielle Güter, sondern auf die Absichten oder Motive des Menschen in bezug auf Gedanke,Worte und Taten. Alle inneren Korekturen von der niedersten Stufe, auch Welt (Olam) genannt, was soviel wie „Verhüllung“ bedeutet , bis zur Höchsten, wo es keinerlei verhüllung zwischen dem Geschöpf und dem „Höchsten“ gibt, geschehen in der Absicht.
Die Absicht des Willens ist der Schlüssel zur Volkommenheit !
Vier Stadien existieren die der Mensch auf jeder Stufe Durchläuft, und alle beziehen sich auf die Absicht:
1. Doppelte Verhüllung 2. Einfache Verhüllung 3. Geben um zu Geben 4.Empfangen um zu Geben
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Ich lehre euch nicht zu geben, sondern zu empfangen, nicht Verzicht, sondern Erfüllung, nicht nachgeben, sondern Verstehen, mit einem Lächeln auf den Lippen.
(*Khalil Gibran)

Die wahre Liebe verausgabt sich nicht. Je mehr du gibst, um so mehr verbleibt dir. (*Antoine de Saint-Exupéry)

Der Liebende wurde zum Geliebten - Der Diener wurde zum König
TÄNZELND ins Ohr trompetet der Sklave dem Freien:
"Du und Ich sind Eins".Vorm Schüler verneigt sich ergeben der Lehrer.
Das ist ein Wunder - sonst keins.
(*Kabir)

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Shams-e-Tabrizi (1184-1247) 

Kindheit

In der Zeit meiner Kindheit, war eine erstaunliche Bewußtwerdung über mich gekommen. Niemand berücksichtigte meinen Zustand. Mein Vater war von meinem Zustand ahnungslos. Er sagte, 'Zunächst einmal bist Du nicht verrückt. Ich weiß nicht, was los mit Dir ist. Es ist auch nicht das Aufrichten oder die Disziplin, und es ist nicht das und nicht das.' Ich sagte, 'Höre diesem einem Wort von mir zu: Mit mir bist Du wie Enteneier, die unter eine Henne gelegt wurden. Die Henne brütete sie aus, und Babyenten erscheinen. Als die Babyenten ein wenig größer wurden, gingen sie mit der Mutter zum Rand des Stromes und kamen an das Wasser. Ihre Mutter war eine Henne. Sie lief entlang des Randes des Stromes, ohne Möglichkeit in das Wasser zu steigen. Nun Vater, ich sehe, daß der Ozean mein Träger geworden ist, und dieser ist meine Heimat und mein Zustand. Wenn Du von mir bist, oder ich bin von Dir, komme in den Ozean. Wenn nicht, gehe zurück zu den Hennen. Das ist, wo Du aufgefangen wirst.

Wie konnte ich es gewollt haben meine Innerlichkeit und meinen innerlichen Zustand offensichtlich zu machen? Er war ein guter Mensch und er hatte Adel. Wenn Du ihm einige Wörter sagen würdest, würden Tränen seinen Bart herunter rollen. Aber er war kein Liebender. Ein guter Mensch ist eine Sache, ein Liebender ist etwas anderes.

In mir, da waren immer gute Neuigkeiten. Die Erwachsenen fragten mich denoch immer, „Warum bist Du so traurig? Hast Du nichts anzuziehen oder hast Du kein Geld?“ Dann antwortete ich ihnen gewöhnlich, „Ich wünschte, sie würden mir sogar die Kleider die ich habe, wegnehmen, und mir dann mich an mich (selbst) zurückgeben.“

Schüler

"Selbst wenn es nach tausend Jahren sein wird,
diese Worte werden jene erreichen für die sie gedacht sind"

Essenz

"Was ist das äußerste Ende der Bedürfnisse?
Das zu finden, was keine Bedürfnisse hat.

Was ist das äußerste Ende des Suchens?
Das zu finden, was gesucht ist.

Was ist das äußerste Ende des Gesuchten?
Den Sucher zu finden."

Begegnung mit Rumi

 
Im Oktober 1244, hatte Rumi ein Treffen, das für immer sein Leben ändern würde. Es gibt einige kontroverse Berichte über dieses Treffen. Eine Geschichte sagt, daß Rumi einen wandernden Derwisch traf, der ihm eine Frage stellte, die ihn wie ein Zen Koan traf.Die Frage berührte Rumi sehr tief. In einem anderen Bericht gab Rumi Unterricht an einem Brunnen auf einem Platz in Konya. Der wandernde Fremde ging durch die Zuhörenden und warf die Bücher in den Brunnen, aus denen Rumi unterrichtete. Als Rumi verlangte, zu wissen wer dieser Fremde war und warum er dies tat, antwortete der Fremde: "Du mußt jetzt leben, was Du gelesen hast." Rumi und der Fremde, dessen Name Shams' ud Din von Tabriz war, wurden untrennbar.


Zitate von Shams e Tabrizi

In der Welt des Inneren bist du bewandert, doch höre dies: Ich bin das Innere des Inneren. Ich bin das Geheimnis der Geheimnisse, das Licht der Lichter bin ich. Selbst die Weisen vermögen meine Geheimnisse nicht vollends zu erforschen.

Benutze dein Leben in der Erforschung deines Zustandes, verschwende es nicht in der Erforschung des Zustandes der Welt.

Ich fand dich verlassen. Jeder ging einer Tätigkeit nach, einige befaßten sich mit der Seele, andere mit der Vernunft, wieder andere mit der Begierde. Ich fand dich ohne Gefährten. Alle Freunde wandten sich zu ihrem Geliebten und ließen dich allein. Ich bin der Freund dessen, der allein ist.

Ein Mann voll von Selbst kam und sagte, "Erkläre mir die Geheimnisse."
Ich sagte, "Ich kann Dir nicht die Geheimnisse erklären. Ich erkläre die Geheimnisse , in dem ich nicht ihn sehe, - in dem ich mich sehe.
Ich erkläre die Geheimnisse des Selbst mir selbst.

Dieses Haus der Welt offenbart den Bau des Körpers des Menschen. Und der Körper des Menschen offenbart eine andere Welt. Die Absicht des Vorhandenseins dieser Welt ist die Begegnung zweier Liebender, die sich ins Antlitz schauen.

Ich sagte, in mir ist eine Freude, die nicht von dieser noch von jener Welt ist, es sei denn die Freude deines Daseins.

Gestern Nacht besuchte mich die Liebe voll Übermut, ich bat die Nacht, mein Geheimnis zu verbergen; sie erwiderte: Sieh dich um, du hältst die Sonne und du bist haftbar für das Tageslicht ! 

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>>> Die Freiheit der Einfachheit <<<
von Peace Pilgrim

Selig sind, die für ihr Geben keinen Dank erwarten, denn sie sollen reichlich belohnt werden.
Selig sind, die alles, was sie als gut erkennen, in die Tat umsetzen, denn immer höhere Wahrheiten sollen ihnen offenbart werden.
Selig sind, die die Wirklichkeit gesehen haben, denn sie wissen, daß nicht das irdene Gewand wirklich und unzerstörbar ist, sondern das, was das irdene Gewand aktiviert und erhällt.

Selig sind, die auf dem spirituellen Pfad fortschreiten, ohne das selbstsüchtige Motiv, den inneren Frieden zu suchen, denn sie sollen ihn finden.
Selig sind, die nicht versuchen, die Tore mit Gewalt einzuschlagen, sondern sich ihnen statt dessen in Demut, Liebe und Reinheit nähern, denn sie sollen geradewegs hindurchgehen.


- Vier Vorbereitungen -

1.Nimm die richtige Einstellung zum Leben ein
Hör auf, davonzulaufen oder an der Oberfläche zu leben, da diese Haltung nur Disharmonie hervorruft. Trete dem Leben offen gegenüber und tauche unter die seichte Oberfläche, um seine Wahrheiten und Realitäten zu entdecken. Löse die Probleme, die dir das Leben stellt, und du wirst herausfinden, daß das Lösen selbst zu deiner inneren Entwicklung beiträgt. Auch das gemeinsame Lösen kollektiver Probleme trägt zu deiner Entwicklung bei, und diese Probleme solltest du niemals meiden.
 
2.Lebe das Gute, an das du glaubst
Die Gesetze, die das menschliche Verhalten regeln, lassen sich ebenso streng anwenden, wie das Gravitationsgesetz. Gehorsam gegenüber diesen Gesetzen führt uns zu Harmonie, Ungehorsam zu Disharmonie. Da viele dieser Gesetze bereits allgemein anerkannt sind, kannst du damit beginnen, all das Gute, an das du glaubst, in die Tat umzusetzen. Ein Leben kann nicht harmonisch sein, solange Glaube und Umsetzung, Gedanke und Tat nicht übereinstimmen.
 
3.Finde deinen Platz im Weltgefüge
Du hast Anteil am Gesamtbild der Dinge. Welcher Anteil das ist, kannst du nur aus dir selbst herausfinden. Suche danach in aufmerksamer Stille. Und lebe allmählich damit im Einklang, indem du all die guten Dinge tust, zu denen du dich motiviert fühlst und diesen Dingen in deinem Leben den Vorrang gibst gegenüber all den oberflächlichen Dingen, die gewöhnlich das menschliche Leben ausfüllen.

4.Vereinfache dein Leben, um inneres und äußeres Wohlbefinden in Einklang zu bringen
Unnötiger Besitz ist unnötige Last. Oft ist das Leben nicht nur mit unnötigem Besitz vollgestopft, sondern auch mit sinnlosen Aktivitäten. Ein vollgestopftes Leben ist ein Leben in Disharmonie und verlangt nach einer Vereinfachung. Wunsch und Bedarf kann eins werden im menschlichen Leben. Wenn das erreicht ist, wird ein Gefühl der Harmonie aufkommen zwischen innerem und äußerem Wohlbefinden. Solch eine Harmonie ist nicht nur im persönlichen Leben, sondern auch im Gemeinschaftsleben unentbehrlich.

- Vier Reinigungen -

1.Reinigung des körperlichen Tempels
Bist du frei von allen schlechten Gewohnheiten? Legst du bei deiner Ernährung Wert auf ursprüngliche Nahrung - Früchte, ganze Körner, Gemüse und Nüsse? Gehst du früh zu Bett, und hast du genügend Schlaf? Hast du genügend frische Luft, Sonnenschein, Bewegung und Kontakt mit der Natur? Wenn du auf all diese Fragen mit “Ja” antworten kannst, so bist du weit gegangen auf dem Weg der Reinigung des körperlichen Tempels.
 
2.Reinigung der Gedanken
Es ist nicht genug, das Richtige zu tun und zu sagen. Du mußt auch das Richtige denken. Positive Gedanken können eine große Kraft für das Gute sein. Negative Gedanken können dich körperlich krank machen. Bedenke immer alles schlechte hat auch sein Gutes.
 
3.Reinigung der Wünsche
Da du hier bist, um mit den Gesetzen, die das menschliche Verhalten bestimmen, und mit deinem Anteil am Weltgefüge in Einklang zu leben, sollten deine Wünsche sich auf dieses eine Ziel konzentrieren.

4.Reinigung der Motive(Absichten)
Selbstverständlich sollen deine Motive nie Gier, Selbstsucht oder Selbstverherrlichung sein. Du sollst nicht einmal das selbstsüchtige Motiv haben, inneren Frieden für dich selbst zu erreichen.

- Vier Dinge mußt Du loslassen -

1.Loslassen des Eigenwillens
Du hast, beziehungsweise es scheint als hättest du, zwei Persönlichkeiten: Das niedrige Selbst, das dich gewöhnlich selbstsüchtig beherrscht, und das höhere Selbst, das nur darauf wartet, dich wunderbar zu führen. Du mußt das niedrige Selbst unterordnen durch das Unterlassen aller nicht-guten Dinge, zu denen du dich motiviert fühlst - und zwar nicht durch ihre Unterdrückung, sondern durch ihre Transformierung, so daß das höhere Selbst dein Leben übernehmen kann.
 
2.Loslassen des Gefühls des Getrenntseins
Wir alle, auf der ganzen Welt, sind Zellen im Körper der Menschheit. Du bist nicht abgetrennt von deinen Mitmenschen, und du kannst nicht Harmonie für dich allein finden. Du kannst nur dann Harmonie finden, wenn du die Einheit alles Seins wahrnimmst und für das Wohl aller arbeitest.
 
3.Loslassen von Abhängigkeiten
Nur wenn du dich von allen Abhängigkeiten gelöst hast, kannst du wirklich frei sein. Materielle Güter sind zu ihrer Benutzung da, und alles was du nicht loslassen kannst, nachdem es seinen Nutzen für dich verloren hat, besitzt dich. Du kannst mit deinen Mitmenschen nur dann harmonisch leben, wenn du nicht das Gefühl hast, sie zu besitzen und deshalb nicht versuchst, deren Leben in die Hand zu nehmen.

4.Loslassen aller negativen Gefühle
Arbeite daran, negative Gefühle loszulassen und ergründe dessen Ursachen. Wenn du im gegenwärtigen Moment lebst, der wirklich der einzige Moment ist, den du leben mußt, wirst du weniger dazu neigen, dich zu sorgen. Wenn du wahrnimmst, daß die Menschen auf unterschiedlichen Stufen der inneren entwiklung stehen, werden sich deine Gefühle des zb. Ärgers über sie, in Gefühle eines Wissenden verwandeln. Wenn du erkennst, daß all deine inneren Schmerzen durch deine eigenen falschen Absichten, Handlungen oder Unterlassungen verursacht sind, wirst du aufhören, dich selbst zu verletzen.
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Die wertvollsten Dinge: Nach einem wundervollen Aufenthalt in der Wildnis wandere ich wieder einmal durch die Straßen einer Stadt, in der ich eine Zeitlang zu Hause war. Es ist ein Uhr mittags. Hunderte von schön gekleideten Menschen mit blassen oder geschminkten Gesichtern eilen in ziemlich geregelten Bahnen zu ihren Arbeitsplätzen oder kommen von daher. Ich, in meinem ausgebleichten Hemd und meinen abgetragenen Hosen, laufe inmitten dieser Leute. In den ärmeren Gegenden werde ich toleriert. In den reicheren Gegenden werden mir teils verdutzte, teils geringschätzige Blicke zugeworfen. Auf beiden Straßenseiten, wo die Leute gehen, sind Waren in den Schaufenstern ausgestellt, die man kaufen kann, wenn man gewillt ist, in geregelten Bahnen zu leben, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Tausenderlei Sachen sind in den Auslagen - jedoch die wertvollsten Dinge fehlen. Weder Freiheit, noch Gesundheit, noch Glück, noch Friede der Gedanken sind ausgestellt. Um diese Dinge zu erhalten, meine Freunde, werdet ihr wohl auch aus den geordneten Bahnen entfliehen und riskieren müssen, daß man auf euch mit Geringschätzung blickt.


Die Freiheit der Einfachheit: Einige scheinen zu glauben, daß mein der Einfachheit gewidmetes Leben hart und freudlos ist, aber sie kennen nicht die Freiheit der Einfachheit. Ich weiß genug über Ernährung, um meinen Körper richtig zu ernähren, und ich erfreue mich einer ausgezeichneten Gesundheit. Ich genieße das Essen, aber ich esse, um zu leben, ich lebe nicht, um zu essen. Ich bin kein Sklave des Essens. Meine Kleidung ist sehr bequem und praktisch. Ich bin kein Sklave der Mode. Ich bin kein Sklave des Komforts und der Bequemlichkeit - ich schlafe zum Beispiel genauso gut im weichen Bett wie im Gras am Wegesrand. Ich belaste mich nicht mit unnötigem Besitz oder sinnlosen Aktivitäten. Mein Leben ist erfüllt und gut, aber nicht überfüllt, und ich tue alles mit Leichtigkeit und Freude. Ich fühle mich von Schönheit umgeben, und ich sehe Schönheit in jedem Menschen, dem ich begegne - denn ich sehe in allem nur eines. Ich erkenne die Gesetze, die dieses Universum regieren, und ich finde Harmonie, indem ich sie glücklich und mit Freuden befolge. Ich erkenne mein Einssein mit allem. Ich empfange um zu geben.

Es gibt eine Kraft - größer als wir - die in uns wirkt, genau wie überall im Universum. Weißt du was es heißt, Sie zu erfahren - bewust unter ihrer Führung zu stehen - ein ständiges Bewußtsein von ihrer Gegenwart zu haben? Erkenntnis heißt, allen Menschen und aller Schöpfung in Liebe zu begegnen. Erkenntnis heißt, inneren Frieden zu spüren - eine Ruhe, eine Klarheit, eine Unerschütterlichkeit, die es Dir ermöglicht, jede Situation zu meistern. Erkenntnis heißt, so von Freude erfüllt zu sein, daß sie überquillt und weiterwirkt, um die Welten der andern zu Befruchten.Wenn Sie mich vor eine Aufgabe stellt, so gibt sie mir Kraft und Unterstützung, sie zeigt mir den Weg und gibt mir die rechten Worte ein. Ob der Pfad leicht oder schwer ist - ich gehe im Licht ihrer Liebe. Das ist Erkenntnis. Und es ist nicht den Großen vorbehalten, zu erkennen. Es ist für alle Leute, wie dich und mich. Sie sucht dich immer - jeden einzelnen. Du kannst Sie finden, du brauchst Sie nur zu suchen – doch sei unvoreingenommen. Wende dich ihr zu mit Aufmerksamkeit und Aufnahmebereitschaft. Und wenn du Sie findest, so geschieht das in der Stille. Du wirst Sie in deinem Innersten finden.

- Gedanken -

Wir alle können unser Leben damit verbringen, Gutes zu tun. Überlege dir bei jeder Begegnung, was du dem Menschen Ermutigendes sagen kannst - ein nettes Wort, ein hilfreicher Ratschlag, ein Ausdruck der Bewunderung. Überlege dir in jeder Situation, was du Gutes einbringen kannst - eine wohlüberlegte Gabe, eine rücksichtsvolle Haltung, eine helfende Hand.

Es gibt ein Kriterium, nach dem du die Richtigkeit deiner Gedanken und deiner Handlungen beurteilen kannst, und zwar: Haben sie dir inneren Frieden gebracht? Wenn dem nicht so ist, so stimmt etwas mit ihnen nicht - also suche weiter.

Demjenigen, der sich depressiv fühlt, möchte ich sagen: Umgib dich mit schöner Musik und schönen Blumen. Lies etwas oder rufe dir etwas in Erinnerung, das dich inspiriert. Stelle eine Liste all der Dinge auf, für die du dankbar sein kannst. Wenn es irgendeine gute Sache gibt, die du schon immer tun wolltest, beginne sie. Mach dir einen Plan, und halte dich daran.

Wenn du die Menschen wirklich liebst, werden sie liebevoll reagieren. Wenn ich einen Menschen verletze, so füge ich mir selbst Schaden zu, denn ich weiß, wäre mein Verhalten richtig gewesen, hätte ich ihn nicht verletzt, auch dann nicht, wenn er nicht meiner Meinung war. “Bevor die Zunge sprechen kann, muß sie den Stachel der Verletzung verloren haben."

Erkenne alle Probleme, wie schwierig sie auch immer sein mögen, als Möglichkeiten zu geistigem Wachstum, und mache das Beste aus ihnen.

Für die richtige Führung und für die Wahrheit ist es viel besser, durch deinen eigenen “inneren Lehrer” auf den Ursprung der Quelle zu sehen.

Niemand ist wirklich frei, der noch an materielle Güter oder an Örtlichkeiten oder an Menschen gebunden ist. Wir müssen Dinge benutzen können, wenn wir sie brauchen, und sie ohne Bedauern loslassen können, wenn sie ihren Nutzen verloren haben. Wir müssen fähig sein, für den Ort, an dem wir uns aufhalten, dankbar zu sein, ihn zu genießen und ihn dennoch ohne Bedauern verlassen können, wenn wir anderswohin gerufen werden. Wir müssen mit Menschen in liebevoller Gemeinschaft leben können, ohne das Gefühl, sie zu besitzen oder ihr Leben in die Hand nehmen zu wollen. Alles, was du festhalten willst, wird dich gefangennehmen, und wenn du Freiheit willst, mußt du Freiheit geben.

Das spirituelle Leben ist das wirkliche Leben - alles andere ist Illusion und Selbstbetrug. Nur jene, die auf das höchste allein vertrauen, sind wahrhaft frei. Nur jene, die nach ihren höchsten Einsichten leben, leben in Harmonie. Jene, die aus ihren höchsten Beweggründen handeln, werden eine Kraft für das Gute. Es ist nicht wichtig, daß andere sichtbar berührt werden. Ergebnisse sollten nie gesucht oder gewünscht werden. Wisse, daß jede richtige Handlung von dir - jedes gute Wort, jeder gute Gedanke von dir - etwas Gutes bewirkt.

Jeder kann für den Frieden arbeiten. Wann immer du Harmonie in irgendeine unfriedliche Situation bringst, trägst du zum Gesamtfriedensbild bei. Wenn du in deinem eigenen Leben Frieden hast, strahlst du ihn in deine Umgebung und in deine Welt aus.

Was man von außen erhält, kann man mit Wissen vergleichen. Es führt zu einem Glauben, der selten stark genug ist, eine Handlung herbeizuführen. Was sich innen gefestigt hat, nachdem es mit der Außenwelt in Berührung gekommen ist, oder was man direkt von innen erhält (das ist mein Weg), kann man mit Weisheit vergleichen. Es führt zu einem direkten Wissen, das von Handlung begleitet ist.

In unserer geistigen Entwicklung sind wir oft aufgefordert, unsere Herkunft immer wieder aufzurollen und viele Kapitel in unserem Leben abzuschließen, bis wir nicht mehr an materielle Güter gebunden sind und alle Menschen lieben können, ohne an sie gebunden zu sein.
Du kannst eine Situation nur dann ohne geistige Verletzung hinter dir lassen, wenn du sie in Liebe verläßt.

Wenn du Menschen lehren willst, jung oder alt, so mußt du da anfangen, wo sie sind - auf ihrer Verstandesebene. Wenn du siehst, daß sie schon über deine Verstandesebene hinaus sind, so laß sie dich lehren. Da die Schritte zu geistigem Wachstum in sehr unterschiedlicher Reihenfolge unternommen werden, können wir uns meistens gegenseitig lehren.

Konzentriere dich auf das Geben, so daß du dich öffnen kannst zu empfangen. Konzentriere dich darauf, gemäß deiner höchsten Einsichten zu leben, so daß du dich für neue Einsichten öffnen kannst.

Manchmal hast du körperliche Probleme, die dir zeigen wollen, daß der Körper nur ein vergängliches Gewand ist - daß die Wirklichkeit der unzerstörbare Geist ist, der den Körper aktiviert.

Nachdem du inneren Frieden gefunden hast, findet spirituelle Weiterentwicklung harmonisch statt, weil du - nun vom höheren Selbst geleitet - willig bist, es zu tun und nicht mehr dazu gedrängt werden mußt.

Alle Schwierigkeiten in Deinem Leben haben einen Sinn. Sie drängen Dich in die Harmonie

Einsichten, die direkt von der Quelle kommen, kannst du nicht verkennen, denn sie sind begleitet von vollem Verständnis, so daß du sie erklären und darüber sprechen kannst.

Das Richten anderer wird dir nichts einbringen und dich geistig verletzen. Nur wenn du andere dazu bringen kannst, sich selbst zu richten, hast du etwas wesentliches erreicht.

Halte eine echte Anstrengung nie für fruchtlos - jede echte Anstrengung birgt gute Früchte, ob wir das Ergebnis sehen oder nicht. Konzentriere dich nur auf das Denken, Leben und Handeln für den Frieden und darauf, andere dafür zu begeistern.

Du kannst niemanden ändern außer dich selbst. Erst wenn du selbst ein Beispiel gibst, kannst du andere dazu bringen, sich zu ändern.

In einer Konfliktsituation mußt du dir eine Lösung überlegen, die allen Betroffenen gerecht wird, statt einer Lösung, die zu deinem Vorteil ist. Nur eine Lösung, die allen Betroffenen gerecht wird, kann auf lange Sicht funktionieren.
Ich begann wirklich zu leben, als ich anfing, jede Situation daraufhin anzusehen, wie ich in dieser Situation dienen konnte. Ich lernte, daß ich mit meiner Hilfe nicht aufdringlich sein sollte, sondern nur bereit. Oft konnte ich eine helfende Hand reichen oder vielleicht ein liebenswürdiges Lächeln oder ein aufmunterndes Wort. Ich lernte, daß wir die wertvollen Dinge im Leben durchs Geben erhalten.

Wenn man in ständigem Gespräch mit der Universellen Kraft lebt, kann man nicht einsam sein. Wenn man das Wirken dieser wundervollen Kraft erkennt und weiß, daß alle echte Mühe gute Frucht bringt, kann man nicht entmutigt sein. Wenn man inneren Frieden gefunden hat, so hat man Kontakt zur Quelle der universellen Energie, und man wird der Arbeit nicht müde werden.

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Jiddu Krishnamurti schrieb 1910, im Alter von 14 Jahren diesen Text:

<<< Zu Füssen des Meisters >>>



Führe mich aus der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit!
Führe mich aus der Finsternis zum Licht!
Führe mich vom Tode zur Unsterblichkeit! 


 

"Dies sind nicht meine Worte, sondern die des „Meisters“. Ohne Ihn hätte ich nichts tun können; nur mit Seiner Hilfe habe ich den Pfad betreten. Du möchtest auch auf diesem Pfade wandeln; deshalb werden diese Worte, die er zu mir gesprochen hat, auch dir helfen, wenn du ihnen folgst. Es genügt nicht, von ihnen zu sagen, sie seien wahr und schön; sie müssen sehr genau befolgt werden, wenn sie dem Menschen helfen sollen. Der bloße Anblick einer Nahrung wird den Hungrigen nicht sättigen; er muß seine Hand ausstrecken und muß essen. Ebenso genügt es nicht, des Meisters Worte nur zu hören; du mußt selbst tun, was Er sagt, mußt jedes Wort beachten, jeden Wink befolgen. Vier Grunderfordernisse sind die Leitsterne für den, der den Pfad beschreiten will:
UNTERSCHEIDUNGSKRAFT,
WUNSCHLOSIGKEIT,
CHARAKTERBILDUNG,
LIEBE.
Die erste dieser Eigenschaften ist die Fähigkeit der rechten Unterscheidung. Die Erkenntnis, die den Menschen zum Betreten dieses Pfades hinleitet, wird für gewöhnlich aufgefaßt als Unterscheidung des Unwirklichen vom Wirklichen. Das ist sie auch, doch sie ist noch viel mehr. auch ist ,sie stetig zu betätigen, nicht nur beim Eintritt in den Pfad, sondern täglich bis zum letzten Schritte. Du betrittst den Pfad, weil du erfahren hast, daß du nur auf ihm jene Dinge finden wirst, die des Gewinnens wert sind. Menschen, die das nicht wissen, arbeiten, um Reichtum und Macht zu gewinnen; aber diese Dinge sind doch nur für kurze Zeit beglückend . Es gibt weit größere Dinge, Dinge, die wirklich und dauernd sind; hast du sie erst einmal gesehen, so wirst du die anderen nicht mehr begehren.

Zwei Arten von Menschen nur gibt es auf der ganzen Welt: die Wissenden und die Nichtwissenden; auf dieses Wissen kommt es an. Welcher Religion und welcher Rasse ein Mensch angehören mag, ist nicht wichtig. Wirklich wichtig ist nur dieses Wissen - die Erkenntnis von des „Meisters“ Plan mit dem Menschen. Der „Meister“ hat einen bestimmten Plan, und dieser Plan ist die Entwicklung. Sobald ein Mensch dies erkannt hat und es wirklich weiß, kann er nicht anders, als dafür zu wirken und sich eins mit ihm zu machen, um sich den Wunderbaren Eigenschaften der Natur des „Meisters“ anzugleichen und mit ihm wie eine Schneeflocke mit dem Meer zu verschmelzen. Und indem er sich auf seiner Seite weiß, wird er das gute tun und wird dem Bösen widerstreben; er wird für die Entwicklung arbeiten, nicht für den Eigennutz.
Wenn er auf Seiner Seite, der Natur des Gebens steht, ist er einer der Unsrigen, gleichviel, ob er sich Hindu oder Buddhist, Christ oder Mohammedaner nennt, ob er ein Inder oder Engländer, Chinese oder Russe ist, ob er ihn Natur, Kosmos, Gott, Brahma, Allah oder Schöpfer nennt. Alle, die auf seiner Seite stehen, wissen, warum und wozu sie hier sind; und sie streben, den Zweck ihres Daseins zu erreichen. All die anderen Menschen wissen noch nicht, was sie tun sollen, sie handeln daher oftmals töricht. Sie erfinden ihre eigenen Wege, von denen sie denken, daß sie ihnen Freude machen werden; aber sie verstehen nicht, daß alle eins sind und daß deshalb nur das, was das Eine will, uns wirklich Freude machen kann. Sie streben nach dem Unwirklichen anstatt nach dem Wirklichen. Solange sie nicht zwischen diesen beiden unterscheiden können, stehen sie noch nicht auf dessen Seite. Und so ist diese Fähigkeit richtiger Unterscheidung der erste Schritt auf dem Pfade.
Aber selbst wenn diese Wahl vollzogen ist, so mußt du dir vergegenwärtigen, daß es vom Wirklichen wie vom Unwirklichen verschiedene Arten gibt. So mußt du unterscheiden zwischen Recht und Unrecht, Wichtigem und Unwichtigem, Nützlichem und Unnützem, Wahrem und Falschem, Selbstsüchtigem und Selbstlosem.
Zwischen Recht und Unrecht zu wählen, sollte nicht schwer sein; denn die, die dem Meister folgen wollen, haben sich bereits entschlossen, das Rechte um jeden Preis zu tun. Aber der Körper und der Mensch sind zwei; der Wille des Menschen ist nicht immer der des Körpers. Wenn dein Körper etwas begehrt, so halte ein und denke nach, ob du das wirklich willst. Denn du bist dein höheres Ich. Aber du mußt tief in deinem Selbst nachgraben, um den „Meister“ in dir zu finden, du mußt Seiner Stimme lauschen, die ja deine Stimme ist.
Verwechsle deinen Körper nicht mit deinem Selbst weder den physischen, noch den emotionellen, noch den mentalen. Jeder dieser Körper wird beanspruchen, das Selbst zu sein, um dadurch zu erlangen, was er wünscht, Du aber mußt sie alle kennenlernen und mußt wissen, daß du selbst ihr Meister bist.
Wenn eine Arbeit getan werden soll, möchte der physische Körper ausruhen, möchte ausgehen, essen oder trinken; und der Mensch, der noch nicht "weiß", sagt sich: "Ich möchte dies tun, und ich muß es tun." Aber der Wissende sagt: "Dies Wünschende ist nicht mein Ich, und daher muß es eine Weile warten." Oft, wenn sich die Gelegenheit bietet, jemandem zu helfen, fühlt der Körper. "Wieviel Mühe wird es für mich sein; laß irgend jemand anderen dies tun." Doch ein solcher Mensch antwortet seinem Körper." Du sollst mich nicht hindern, Gutes zu tun." Der Körper ist dein Tier - dein Pferd, auf dem du reitest. Daher mußt du ihn auch gut behandeln und gewissenhaft für ihn sorgen. Du darfst ihn nicht überarbeiten, du mußt ihm reine Nahrung geben und ihn immer peinlich sauber halten, ihn selbst vor den kleinsten Schmutzflecken bewahren, denn ohne einen völlig reinen und gesunden Körper kannst du das Werk der Vorbereitung nicht vollbringen, kannst die unaufhörliche Anstrengung nicht ertragen. Immer aber mußt du es sein, der den Körper beherrscht, niemals er dich. Der emotionelle Körper hat stets seine eigenen Wünsche - hat derer unzählige. Er will, daß du ärgerlich wirst, daß du scharfe Worte sagst, eifersüchtig und geldgierig bist, daß du andere um ihren Besitz beneidest, daß du traurigen Stimmungen und Depressionen nachgibst. Alles dies wünscht dieser Körper und noch vieles mehr. nicht , weil er dir schaden möchte, sondern weil er starke Schwingungen liebt und sie auch beständig wechseln möchte. Aber du brauchst diese Reize nicht, und deshalb mußt du deine Wünsche unterscheiden von den Wünschen deines Körpers.
Dein mentaler Körper möchte sich stolz absondern; er möchte hoch von sich selbst und gering von anderen Menschen denken. Sogar dann, wenn du dich von weltlichen Dingen abgewendet hast, sucht er noch immer für sich selbst zu sorgen; er will dich veranlassen, nach deinem eigenen Fortschritt zu streben, anstatt an des Meisters Werk zu denken und anderen zu helfen. Wenn du meditierst, versucht er deine Gedanken auf die vielerlei verschiedenen Dinge zu richten, die er wünscht, anstatt auf das Eine, das du wünschst. Du bist nicht dieser Verstand. du sollst ihn nur gebrauchen. So Ist auch hier Unterscheidungsgabe nötig. Du mußt unaufhörlich achtgeben, sonst wirst du straucheln.
Zwischen Recht und Unrecht kennt der Okkultismus (v. lat.: occultus = verborgen, verdeckt, geheim) kein Verhandeln und kein Mittelding. Was es auch kosten mag, du mußt das tun, was recht ist; und was unrecht ist, darfst du nicht tun, was immer auch die Nichtwissenden denken oder sagen mögen. Du mußt die verborgenen Naturgesetze tief erforschen; und sobald du sie erkannt hast, mußt du mit Vernunft und mit gesundem Menschenverstand dein Leben danach einrichten.
Du mußt unterscheiden zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Stehe wie ein Felsen fest da, wo es sich um Recht und Unrecht handelt. Gib den anderen nach in gleichgültigen Dingen; denn du mußt stets sanft und freundlich sein, verständig und nachgiebig. Du mußt den andern auch dieselbe Freiheit lassen, die du für dich selbst beanspruchst. Erkenne recht das, was zu tun sich lohnt; bedenke, daß die Dinge nicht nach ihrer Größe zu beurteilen sind. Ein Geringes, das unmittelbar dem Werke des Meisters dient, ist wertvoller als etwas Großes, das die Welt gut nennen mag. Du mußt nicht nur das Nützliche vom Unnützen unterscheiden, sondern auch das Nützliche von dem weniger Nützlichen. Arme zu speisen ist ein gutes, edles und nützliches Werk; aber ihre Seelen zu speisen ist noch edler und nützlicher, als die Körper zu ernähren. Jeder Reiche kann den Körper speisen, aber nur die Wissenden können die Seelen sättigen. Wenn du das Wissen hast, so ist es deine Pflicht, anderen zu helfen, daß sie wissen.
Wie weise du auch sein magst, du hast auf diesem Pfade noch viel zu lernen - soviel, Urteilskraft auch vonnöten ist; du mußt sorgfältig unterscheiden, was des Lernens wert ist. Lerne daher, aber lerne das zuerst, was dir am meisten dienen wird, um anderen zu halfen. Arbeite geduldig an deinem Forschen, nicht, damit die Menschen dich für weise halten, auch nicht, damit du die Glücksempfindung hast, dich selbst weise zu schätzen, sondern einzig darum, weil allein der Weise einsichtsvoll zu helfen weiß. Wieviel immer du helfen möchtest, wenn du unwissend bist, kannst du mehr schaden, als du Nutzen.
Du mußt unterscheiden zwischen Wahrheit und Unwahrheit. Du mußt lernen, wahr zu sein, durch und durch, in Gedanken, wie in Worten und in Taten.
Zuerst in Gedanken; und das ist nicht leicht. Denn in der Welt sind viele unwahre Gedanken, viel törichter Aberglauben; und wer Sklave dieser Dinge ist, kann keine Fortschritte machen. Deshalb darfst du nicht einen Gedanken annehmen, weil andere ihn für wahr halten, auch nicht, weil man seit Jahrhunderten daran geglaubt hat, noch auch, weil er geschrieben steht in einem Buch, das man für heilig hält. Du mußt darüber selbst nachdenken; und du mußt selbst urteilen, ob er vernünftig ist. Merke dir, wenn auch tausend Menschen übereinstimmen im Urteil über eine Sache, von der sie nichts wissen, so ist ihre Meinung wertlos. Wer auf dem Pfade wandeln will, muß lernen, für sich selbst zu denken, denn der Aberglaube ist eines der größten Übel in der Welt, eine der Fesseln, von denen du dich befreien mußt.
Deine Gedanken über andere müssen wahr sein; du darfst nichts von ihnen denken, was du nicht bestimmt weißt. Setze nicht voraus, daß sie stets an dich denken. Wenn jemand etwas tut, was, wie du meinst, dir schaden wird, und wenn er etwas sagt, was du auf dich beziehst, dann glaube nicht sofort: "Er wollte mich beleidigen." Höchstwahrscheinlich hat er gar nicht an dich gedacht, denn jedermann hat seine eigenen Sorgen, und seine Gedanken drehen sich meist um ihn selbst. Wenn jemand dich ärgerlich anredet, dann denke nicht: "Er haßt mich, und er will mir wehe tun." Vielleicht hat jemand anderer oder etwas anderes ihm Ärger verursacht; und weil er dich gerade trifft, läßt er seinen Ärger nun an dir aus. Er handelt töricht, denn Zorn ist eine Torheit; aber du darfst doch nichts Falsches von ihm denken.
Wenn du „Schüler“ des „Meisters“ wirst, so kannst du stets die Wahrheit deines Denkens an dem Seinen ermessen; denn der Schüler ist eins mit dem „Meister“. Er braucht nur seine Gedanken in die seines Meisters hineinzulegen, um zu sehen, ob sie übereinstimmen. Tun sie das nicht, so sind seine Gedanken irrig, und er wird sie sofort berichtigen; denn des Meisters Gedanken sind vollkommen, weil Er Allweisheit besitzt. Die freilich, die „Er“ noch nicht angenommen hat, die die ihn in sich noch nicht erschaffen haben, können dies noch nicht ausführen. Doch können sie sich damit helfen, daß sie sich oft fragen: "Was würde der Meister wohl darüber denken? Was würde Er unter diesen Umständen sagen oder tun?" Du darfst nie etwas tun, sagen oder denken, von dem du dir nicht vorstellen kannst, daß es der Meister tun, sagen oder denken könnte.
Auch in deiner Rede mußt du wahr sein, stets genau und ohne Übertreibung. Lege niemals einem anderen Beweggründe zur Last, denn nur sein Meister kennt seine Gedanken und Absichten; und er mag aus Gründen handeln, an die du gar nicht gedacht hast. Wenn du etwas Ungünstiges hörst über jemand anderen, wiederhole es nicht; denn es könnte ja gar nicht wahr sein, und selbst wenn es wahr wäre, so ist es besser, darüber zu schweigen. Denke gut nach, ehe du sprichst, damit du nicht in Ungenauigkeit verfällst.
Sei wahr und klar im Handeln. Gib dich niemals anders, als du bist; denn alle Vorspiegelung trübt das reine Licht der Wahrheit, das durch dich hindurch leuchten soll, wie Sonnenlicht durch klares Glas.
Du mußt auch unterscheiden zwischen Selbstsucht und Selbstlosigkeit. Die Selbstsucht nimmt viele Gestalten an; und wenn du denkst, du hast sie in der einen Form getötet, dann erhebt sie sich in einer anderen stärker als vorher. Allmählich wirst du aber von dem Wunsche, anderen zu helfen, so beseelt sein, daß du weder Zeit noch Raum finden wirst für Gedanken an dich selbst.
Was nicht bedeutet das Gedanken nach Lebensnotwendigen Dinge wie Nahrung, Partner und einem Dach verschwinden oder Unterdrückt werden sollten.
Noch auf eine andere Art hast du zu unterscheiden. Lerne den Meister in jedem Menschen und in jedem Dinge zu erkennen, gleichviel wie böse er oder es äußerlich erscheinen mag. Er ist dir immer gegenüber und prüft dich. Du kannst deinem Bruder helfen durch das, was ihr stets gemeinsam habt: das ist das göttliche Leben. Lerne dies in ihm erwecken, lerne dies in ihm zu finden; dann wirst du den Bruder vor Unrecht behüten.

WUNSCHLOSIGKEIT
Für viele ist die Forderung der Wunschlosigkeit ein gar schwieriges Ding, weil sie fühlen, daß sie ihre Wünsche selbst sind, - daß, wenn ihre ausgeprägten Wünsche, ihre Neigungen und Abneigungen von ihnen genommen würden, nichts von ihrem Selbst mehr übrig bliebe. Aber das sind nur solche, die den Meister noch nicht gesehen haben. Im Lichte seiner heiligen Gegenwart schwindet jeglicher Wunsch, außer dem einen, so zu werden wie Er. Aber auch ehe du das Glück hast, ihm leibhaftig zu begegnen, kannst du doch schon frei von Wünschen werden, wenn du es nur willst. Die Unterscheidungskraft hat dir bereits gezeigt, daß das, was die Menschen meist begehren, wie Reichtum und Macht, nicht des Besitzes wert ist. Wer das einmal empfindet und nicht nur im Munde führt, dem schwindet jeder Egoistische Wunsch.
Soweit ist das alles einfach; du hast es nur zu verstehen. Aber mancher freilich gibt das Streben nach irdischen Zielen nur auf, um den Himmel dafür zu gewinnen oder um von seiner Wiederkehr befreit zu werden. In diesen Irrtum darfst du nicht verfallen. Wenn du ganz und gar dein Ich vergessen hast, kannst du nicht daran denken, wann dieses Ich frei werden oder welche Art von Himmel es erleben wird. Bedenke, daß jeder selbstsüchtige Wunsch dich bindet, wie hoch auch der Gegenstand sein mag; und ehe du nicht sämtliches Begehren aufgegeben hast, wirst du nicht völlig frei sein, um dich dem Werk des Meisters zu widmen.
Wenn aber alle Wünsche für das Selbst vergangen sind, mag immer noch einer zurückgeblieben sein; und der ist das Verlangen, den Erfolg deines Wirkens zu sehen. Hilfst du jemandem, so möchtest du gerne wissen, wieviel du ihm wohl geholfen hast. Vielleicht möchtest du sogar, daß er dies einsieht und dir dafür dankbar ist. Doch auch dies ist noch ein Begehren und ein Mangel an Vertrauen. Wenn du deine Kraft ausströmen läßt, zu helfen, dann kann der Erfolg nicht ausbleiben, ob du ihn sehen kannst oder nicht. Wenn du das Gesetz kennst, weißt du, daß es stets so sein muß. Daher mußt du nur das Gute um des Guten willen tun, nicht in der Hoffnung auf Belohnung. Du mußt um der Arbeit willen arbeiten, nicht in der Hoffnung, den Erfolg zu sehen. Du mußt dich dem Dienste für die Welt widmen, nur weil du sie liebst und weil du gar nicht anders kannst, als dich für sie hinzugeben.
Trage kein Verlangen nach psychischen Kräften. Sie werden sich einstellen, sobald der Meister findet, daß es gut für dich ist, sie zu haben. Werden sie vorher erzwungen, so hat das Nachteile zur Folge. Oft wird ihr Besitzer von betrügerischen Naturwesen getäuscht oder er bildet sich ein, daß er sich nicht mehr irren könne; und jedenfalls wären die Zeit und die Kraft, die er aufwenden müßte, um sie zu gewinnen, besser angewendet, um andern zu helfen. Solche Kräfte kommen schon im Laufe der Zeit; sie müssen kommen. Wenn der Meister sieht, daß es nützlicher ist für dich, sie früher zu besitzen, so wird er dich lehren, wie du sie in Sicherheit entwickeln kannst. Bis dahin ist es besser für dich, darauf zu verzichten.

Du mußt dich auch vor manchen kleinen Wünschen hüten, die das tägliche Leben mit sich bringt. Wünsche nie zu glänzen oder klug zu scheinen; hege nicht den Wunsch zu reden. Es ist gut, wenig zu reden: besser noch, gar nichts zu sagen, wenn du nicht ganz sicher bist, daß das, was du sagen willst, wahr ist, freundlich und auch hilfreich. Ehe du sprichst, denke sorgfältig nach, ob das, was du sagen möchtest, diese drei Eigenschaften hat; wenn nicht, dann schweige.
Es ist gut, wenn du dich jetzt daran gewöhnst, sorgfältig nachzudenken, ehe du sprichst; denn wenn du die Einweihung erlangt hast, mußt du über jedes Wort streng wachen, damit du nichts sagst, was verschwiegen werden muß. Viel alltägliches Geschwätz ist unnütz und töricht; Klatsch ist vollends unwürdig. Gewöhne dich daran, mehr zuzuhören als zu reden. Trage deine Ansichten nicht vor, wenn du nicht ernstlich nach ihnen gefragt wirst. Man hat die Anforderungen zur Einweihung auch in die vier Worte gefaßt: wissen, wagen, wollen und schweigen; und das letzte zu erlernen ist am schwersten. Ein anderer allgemeiner Wunsch, den du energisch unterdrücken mußt, ist das Verlangen, dich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen. Was ein anderer tut, sagt oder glaubt, geht dich nichts an; und du mußt lernen, ihn völlig sich selbst zu überlassen. Er hat volles Recht auf freies Denken, Reden und Handeln, solange er nicht einem anderen in den Weg tritt. Du selbst beanspruchst auch die Freiheit, das zu tun, was du für recht hältst. Eben diese Freiheit mußt du auch dem anderen gewähren; und wenn er von ihr Gebrauch macht, darfst du ihn nicht aufhalten.

Wenn du glaubst, er tue Unrecht, und du kannst dir die Gelegenheit verschaffen, ihn vertraulich und sehr höflich darauf aufmerksam zu machen, warum du so denkst, kannst du ihn vielleicht davon überzeugen; aber es gibt Fälle, in denen selbst dies ein unschickliches Sich-Einmischen wäre. Unter keinen Umständen darfst du dich mit einem Dritten darüber unterhalten und schwätzen:denn das ist ganz nichtswürdig.



Siehst du jemanden eine Grausamkeit verüben gegen ein Kind oder ein Tier, dann ist es deine Pflicht, einzuschreiten. Ist ein anderer Mensch dir anvertraut, Ihn zu belehren, dann kann es dir eine Pflicht werden, ihn sanft auf seine Fehler aufmerksam zu machen. Außer diesen Fällen aber kümmere dich nur um deine eigenen Angelegenheiten und übe die Kraft des Schweigens.

CHARAKTERBILDUNG

1. Beherrschung des Denkens,
2. Beherrschung des Handelns,
3. Duldsamkeit,
4. Gleichmütige Heiterkeit,
5. Zielbewußtheit,
6. Vertrauen.

Ich weiß, daß diese Forderungen oft anders übersetzt werden, ebenso auch die vier Grundeigenschaften.

1. Beherrschung des Denkens
Das Erfordernis der Wunschlosigkeit zeigt, daß der emotionelle Körper im Zaume gehalten werden muß; dasselbe gilt auch vom mentalen Körper. Darunter ist zu verstehen, daß man sein Gemüt derart beherrschen muß, daß man weder Ärger noch Ungeduld empfindet; daß man ferner seinen Verstand so beherrscht, daß die Gedanken immer ruhig sind und ungestört verlaufen; und endlich, daß man auch die Nerven durch das Denken beherrscht, so daß sie möglichst wenig reizbar sind. Dies letzte ist besonders schwierig, weil der Körper durch die Vorbereitung zum Aufstieg sensitiver wird. Seine Nerven werden leicht durch ein Geräusch oder einen Schreck gestört; und jeder solcher Eingriff wird als Schmerz empfunden. Doch du mußt dagegen ankampfen, soviel du kannst.
 
Zur Ruhe der Gedanken so wie des Gemütes gehört auch Mut, um ohne Furcht den Prüfungen und Schwierigkeiten auf dem Pfade die Stirn bieten zu können. Es erfordert auch Standhaftigkeit und Gleichmut, um die Sorgen des täglichen Lebens leicht nehmen zu können und sich nicht mit einer Unmenge kleiner Dinge abzuquälen, mit denen viele Menschen den größten Teil ihrer Zeit verbringen. Der Meister lehrt, daß es nicht das geringste ausmacht, was dem Menschen äußerlich zustößt. Kummer, Mühen, Krankheit und Verluste sollten für ihn nichts bedeuten, und sie dürfen nicht den Gleichmut seines Geistes und Gemütes stören. Das sind nur die Folgen früherer Taten und Egoistischer Absichten; und wenn sie an dich herantreten, mußt du sie freudig zu ertragen suchen, indem du dir sagst, daß alles übel ja vorübergeht und daß du stets die Pflicht hast, heiter und gelassen zu sein. Sie gehören deinem früheren Leben an, nicht diesem. Du kannst sie nicht ändern, daher ist es unnütz, dich darüber zu beunruhigen. Denke lieber an das, was du jetzt tust; denn das sind die Ursachen für die Schicksale deines folgenden Lebens; diese kannst du jetzt gestalten.
Verliere nie deine Selbstbeherrschung so weit, daß du traurigen oder gedrückten Stimmungen nachgibst. Niedergeschlagenheit ist ein Unrecht; denn sie ist ansteckend für andere Menschen und erschwert ihr Leben. Das darfst du nicht tun; wann immer eine solche Stimmung über dich kommt, schüttle sie sofort von dir ab.
Auch In noch anderer Weise hast du deine Gedanken zu beherrschen: du darfst sie nicht schweifen lassen. Was immer du tust, richte deine Gedanken darauf, daß du es vollkommen tust. Laß deinen Geist nie müßig sein. Gute Gedanken mußt du immer in Bereitschaft halten zum Gebrauch, sobald dein Geist nicht anderweitig beschäftigt ist. Gebrauche deine Denkkraft jeden Tag für gute Zwecke; fördere die Entwicklung. Denke jeden Tag an jemanden, den du in Sorge oder Leid weißt, und der deiner Hilfe bedarf; auf ihn laß deine liebenden Gedanken ausströmen.
Hüte dein Gemüt vor Hochmut; Stolz entspringt nur der Unwissenheit; der Nichtwissende dünkt sich groß, deswegen, weil er diese oder jene große Tat vollbracht hat. Der Weise weiß, daß nur die Gottheit der Natur groß ist und daß jedes gute Werk durch Sie allein bewirkt wird.



2. Beherrschung des Handelns
Wenn dein Denken das ist, was es sein soll, dann wird dir dein Handeln nicht viel Schwierigkeiten machen. Aber denke daran, daß die rechte Tat auf den Gedanken folgen muß, wenn du der Menschheit nützen willst. Du darfst nicht träge werden, sondern mußt beständig für das Gute tätig sein. Doch du mußt dabei deine eigene Pflicht erfüllen, nicht die eines anderen; es sei denn, daß er dir dazu Erlaubnis gibt und daß du ihm behilflich sein kannst. Lasse jeden seine eigene Arbeit auf seine eigene Weise tun. Sei zur Hilfe stets bereit, sobald es nottut, aber mische dich nie störend ein. Für viele ist es das Schwerste auf der Welt, zu lernen, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern; das ist aber das, was du vor allem tun mußt. Wenn du nun versuchst, höhere Aufgaben zu übernehmen, darfst du gleichwohl deine alltäglichen Pflichten nicht versäumen. Ehe diese nicht erfüllt sind, bist du nicht für andere Dienste frei. Du solltest keine neuen weltlichen Pflichten auf dich nehmen, aber allen, die du übernommen hast, mußt du völlig gerecht werden; gemeint sind damit alle selbstverständlichen, vernünftigen Pflichten, die du selber anerkennst, nicht aber eingebildete Pflichten, die dir andere aufzuladen suchen. Wenn du für den Meister lebst, mußt du auch die gewöhnliche Arbeit besser tun als andere Menschen, nicht schlechter; denn auch diese mußt du um Seinetwillen tun. Seinetwillen heißt um des Gebens willen. Denn Er, Sie oder Es ist das bedingungslose Geben ohne Erwartung.

3. Duldsamkeit
Du mußt für alle Menschen vollste Duldsamkeit empfinden. Willst du allen helfen, mußt du alle erst verstehen. Laß sie nach ihren Wünschen handeln; dabei dürfen sie dir nur nicht etwas aufdrängen, dem du schon entwachsen bist. Übe Nachsicht und sei freundlich gegenüber allen.
Jetzt, da deine Augen geöffnet sind, kann dir wohl einiges von deinem alten Glauben und den alten Zeremonien töricht erscheinen; und vielleicht ist es auch wirklich so. Gleichwohl achte die Zeremonien um der guten Seelen willen, für die sie noch von Bedeutung sind, wenn auch du selbst nicht mehr an ihnen teilnehmen kannst. Sie haben ihren Zweck und ihren Nutzen. Sie gleichen jenen zwei Linien in den Schreibheften, die deine kindlichen Schriftzüge gerade lenkten, bis du lerntest, weit besser und freier ohne sie zu schreiben. Es gab eine Zeit, da du sie brauchtest; jetzt liegt sie weit hinter dir.
Ein großer Lehrer schrieb einst: "Da ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war." Indessen kann ein Mensch, der seine Kindheit ganz vergessen und der es verlernt hat, mit Kindern zu fühlen, nicht der rechte Mann sein, sie zu lehren und ihnen zu helfen. Blicke daher freundlich, liebreich und duldsam auf alle, und auf alle gleichermaßen, seien sie Buddhisten, Hindus oder Juden, Christen oder Mohammedaner.
4. Gleichmütige Heiterkeit
Trage dein Karma freudig, wie immer es sein mag. Sieh es als eine Ehre an, wenn dir viel Leid zuteil wird, denn es zeigt dir, daß die Herren des Karma dich ihrer besonderen Hilfe für wert halten. Wie schwer dein Schicksal sein mag, sei dankbar dafür, daß es nicht schlimmer ist. Bedenke auch, daß du dem Meister wenig nützen kannst, ehe nicht dein böses Geschick sich ausgewirkt hat und du frei geworden bist von Egoistischen Absichten. Indem du dich ihm anbotest, hast du zugleich gebeten, daß dein Karma sich beschleunige; und nun arbeitest du in einem oder in zwei Leben das ab, was sonst über hundert Leben verteilt gewesen wäre. Willst du aber möglichst gut davonkommen, dann trage dieses Karma froh und wohlgemut. Und noch ein anderer Gesichtspunkt: du mußt frei werden von jeglichem Besitzgefühl. Mag auch Karma dir das Liebste nehmen, selbst die Menschen, die deinem Herzen am nächsten stehen; auch das mußt du freudig tragen und bereit sein, jegliches und alles aufzugeben. Oftmals muß der Meister seine Kraft durch den ihm Dienenden auf andere ausströmen lassen. Das ist ihm nicht möglich, wenn sein Dienender einer gedrückten Stimmung nachgibt. So muß stets Freudigkeit in dir herrschen.
5. Zielstrebigkeit
Das einzige, was du im Auge haben solltest, ist, des Meisters Arbeit auszuführen. Diese darfst du nie vergessen, was auch sonst zu tun dir in den Weg kommt. Aber kaum kann etwas anderes dir in den Weg kommen, denn alles selbstlose hilfreiche Wirken ist des Meisters Arbeit, und um Seinetwillen mußt du sie tun. Du mußt jeder einzelnen Aufgabe deine volle Aufmerksamkeit widmen, als ob jede Arbeit deine beste Leistung werden sollte. "Alles, was ihr tut, das tut von Herzen, als für ihn und nicht den Menschen."
Handle immer so, wie du deine Arbeit machen würdest, wenn du wüßtest, daß sofort der Meister käme, sie zu prüfen; in der Weise mußt du alle deine Arbeiten tun. Die, welche am meisten wissen, wissen auch am besten, was alles jener Vers bedeutet. Es gibt auch noch einen ähnlichen, viel älteren Vers:"Was immer deine Hand zu tun findet, tue es mit aller deiner Kraft."
Zielstrebigkeit heißt auch, daß dich nichts je von dem Pfade abbringen kann, den du betreten hast, auch nicht für einen Augenblick. Keine Versuchung, keine weltlichen Vergnügungen, selbst keine weltlichen Neigungen dürfen dich jemals abziehen. Denn du selbst mußt eins werden mit diesem Pfade; er muß dir so sehr zur eigenen Natur werden, daß du ihm folgst, ohne darüber nachdenken zu müssen und davon abweichen zu können. Denn: „Die Gewohnheit wird zur zweiten Natur“ !
Du, der göttliche Geistesfunke in dir, hast dies beschlossen; sagtest du dich von ihm los, so sagtest du dich los von deinem eigenen Selbst.
6. Vertrauen
Du mußt deinem Meister vertrauen; und du mußt dir selbst vertrauen. Wenn du den Meister gesehen hast, wirst du Ihm bis zum Höchsten unbedingt vertrauen durch viele Leben und Tode. Wenn du ihn noch nicht gesehen hast, so mußt du doch versuchen, Ihn dir vorzustellen und Ihm zu vertrauen; denn, wenn du dieses Vertrauen nicht hast, kann selbst Er dir nicht helfen. Wo nicht vollkommenes Vertrauen herrscht, kann kein vollkommener Strom von Liebe und Macht fließen. Du mußt auch dir selbst vertrauen. Vertraue auf die Kraft die alles bildet und erhält.
Du sagst, du kennst dich nur zu genau? Wenn du so denkst, kennst du dich gerade nicht. Du kennst allein die schwache äußere Hülle, die oft in den Schlamm gefallen ist. Du aber - dein wahres Selbst -, du bist ein Funke von des Meisters eigenem Feuer. und der Allmächtige, ist in dir, deshalb gibt es nichts, was du nicht tun kannst, wenn du willst. Sprich zu dir selbst:"Was Menschen je getan haben, das können Menschen wieder tun. Ich bin ein Mensch, und doch auch Gott im Menschen; ich kann dies tun und will es tun!" Dein Wille muß so hart wie Stahl werden, wenn du auf dem Pfade wandeln willst.
LIEBE
Von allen notwendigen Eigenschaften ist die wichtigste die Liebe; denn wenn sie in einem Menschen stark genug ist, zwingt sie ihn, alle andern zu erwerben; aber ohne Liebe würden alle andern nicht genügen. Oft wird dieses Grunderfordernis bezeichnet als die heiße Sehnsucht nach Befreiung von dem Kreislauf der Geburten und Tode und nach der Vereinigung mit Gott, dem Logos. So ausgedrückt, klingt dies aber selbstsüchtig; und es gibt nur einen Teil seiner Bedeutung wieder. Es ist nicht so sehr ein sehnsüchtiger Wunsch als Wille und Entschlossenheit. Soll dieser Wille und Entschluß sein Ziel erreichen, so muß er dein ganzes Leben ausfüllen, so daß kein Raum für irgendeine andere Bestrebung übrigbleibt. Es ist zwar in der Tat der Wille, eins zu sein mit der Kraft des Gebens, nicht aber, um dadurch Mühen und Leiden zu entgehen, sondern um in deiner innigen Liebe zu Ihr mit Ihr und gleich Ihr zu handeln. Weil Sie Liebe ist, mußt du, damit du eins wirst mit Ihr, vollkommene Selbstlosigkeit und Liebe werden.
Im täglichen Leben heißt dies zweierlei: Erstens, daß du dich sorgfältig hütest, jemals ein Lebewesen zu verletzen, zweitens, daß du jegliche Gelegenheit erspähst, zu helfen.
Zum ersten, schädige nie, tue niemandem weh! Drei Sünden wirken mehr Unheil als alles andere In der Welt: Klatscherei, Grausamkeit und Aberglaube; dies sind vergehen gegen die Liebe. Gegen diese drei muß jeder, der sein Herz mit des Meisters Liebe füllen will, beständig auf der Hut sein.
Sieh, was Klatscherei tut. Sie geht aus von einem bösen Denken; und das ist an sich schon ein Verbrechen. Denn In jedem Menschen und in jedem Ding ist Gutes so wie Böses. Eines wie das andere können wir dadurch verstärken, daß wir daran denken; und auf diese Weise können wir die Entwicklung fördern oder hindern. Dadurch können wir den Willen des Meisters tun oder ihm widerstehen. Wenn du Böses denkst von einem Menschen, so begehst du gleichzeitig drei schlechte Dinge.
1 Du füllst deine Umgebung mit üblen Gedanken statt mit guten, und dadurch vermehrst du das Leiden in der Welt.
2. Wenn wirklich in dem Menschen jenes Böse ist, an das du denkst, so stärkst du es und nährst es. Dadurch machst du den Bruder schlechter anstatt besser. Doch gewöhnlich ist das Böse gar nicht da, du hast es dir nur eingebildet; dann verführt dein schlechtes Denken deinen Bruder, das Unrecht zu tun; und da er nicht vollkommen ist, prägst du ihm auf, was du von ihm gedacht hast.
3. Du füllst dein eigenes Gemüt mit bösen Gedanken statt mit guten, und auf diese Weise hinderst du dein eigenes Wachstum. Du bist dann für andere, die schauen können, ein häßlicher, peinlicher Anblick, nicht ein schöner, liebenswürdiger, wie du sein solltest.
 
Nicht genug, daß Klatsch-Schwätzer sich ein solcher selbst und seinem Opfer all dies Leid zufügt, er sucht mit aller Macht auch andere Menschen in sein Unrecht hineinzuziehen. Eifrig 'bemüht er sich, ihnen die Schlechtigkeiten zu erzählen, in der Hoffnung, daß sie sie ihm glauben. Wenn ihm dies gelingt, so strahlen sie vereint mit ihm ihr böses Denken auf das arme Opfer aus. Dies findet überall statt, Tag für Tag; und nicht bloß einer tut es, sondern Tausende.
Siehst du, wie niedrig und wie schändlich dieses Unrecht ist? Das mußt du streng vermeiden. Sage niemals Schlechtes über irgend jemanden. Weigere dich, zuzuhören, wenn einer von einem anderen Böses redet. Sage du dann freundlich: "Dies ist vielleicht nicht wahr, und wenn es doch wahr wäre, ist es gütiger und besser, nicht davon zu reden."
Sodann die Grausamkeit; es gibt davon zwei Arten: die absichtliche und die unabsichtliche. Die größte aller Untaten ist, einem andern Lebewesen absichtlich Schmerz zu bereiten; das ist mehr die Tat eines Teufels als die eines Menschen. Du wirst sagen, kein Mensch könne so etwas tun; aber viele haben es schon oft getan, und viele tun es täglich. Die Inquisitoren taten es; und viele Frömmlinge taten es im Namen ihrer Religion. Vivisektoren tun es. Viele Schullehrer tun es gewohnheitsmäßig. Alle diese Leute suchen ihre Roheit damit zu entschuldigen, es sei so Sitte. Aber ein Verbrechen hört nicht auf, eines zu sein, weil viele es begehen. Karma wird nicht durch Gewohnheit oder Sitte aufgehoben. Das Karma der Grausamkeit ist aber eines der schrecklichsten von allen. In Indien gibt es überdies auch keine Ausrede für solcherlei Gebräuche, denn die Pflicht der Milde und des Nichtschädigens ist allen bekannt. Das Geschick der Grausamen trifft auch alle, die ausgehen, um Gottes Geschöpfe zu töten, und die das "Sport" nennen.
Ich weiß, du würdest solche Dinge niemals tun; und um der Liebe Gottes willen wirst du, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, offen dagegen auftreten. Aber es gibt eine Grausamkeit in Worten wie im Handeln. Wer ein Wort sagt, um vorsätzlich jemanden damit zu verletzen, macht sich des Verbrechens schuldig. Auch das würdest du nicht tun. Doch manchmal tut ein unbedachtes Wort ebenso viel Schaden wie ein boshaftes. Du mußt daher auch gegen solche unabsichtliche Grausamkeiten auf der Hut sein.
Vielfach entspringen sie auch der Gedankenlosigkeit. Ein Mensch ist manchmal so erfüllt von Gier und Habsucht, daß er nicht daran denkt, wieviel Leid er anderen dadurch zufügt, daß er Geld abhandelt oder daß er seine Frau und seine Kinder nicht ausreichend unterhält. Ein anderer denkt nur an seine Wollust, und er kümmert sich nicht um die Seelen und Körper, die er dabei rücksichtslos zugrunde richtet. Um sich einige Minuten Mühe zu ersparen, unterläßt es ein Lohnherr manchmal, seine Arbeiter am rechten Tage zu bezahlen; er denkt nicht an die vielen Schwierigkeiten, die er ihnen so bereitet. Sehr viel Leiden wird gerade durch solche Sorglosigkeit verschuldet, weil man es vergißt, darüber nachzudenken, welche Nebenwirkungen diese Handlungen für andere Menschen haben. Aber nie vergißt Karma etwas; es macht keine Ausnahmen für das, was Menschen nur vergessen. Wenn du den Pfad betreten willst, dann denke an die Folgen deiner Handlungen, damit du dich nicht gedankenloser Grausamkeiten schuldig machst.
Ein anderes machtvolles Übel ist der Aberglaube. Er hat viele schwere Grausamkeiten verursacht. Wer des Aberglaubens Sklave ist, verachtet andere, die weiser sind als er; und er sucht sie zu dem zu zwingen, was er selbst tut. Denke an das schauderhafte Morden, das die abergläubischen Tieropfer forderten, und an den noch grausameren Aberglauben, daß der Mensch zu seiner Nahrung Fleisch benötige. Denke an das Elend, das der Aberglaube in unserem geliebten Indien den unterdrückten Klassen zugemessen hat; ersieh daraus, wie diese üble Eigenschaft herzlose Grausamkeit hervorbringt sogar unter denen, die die Pflicht der Bruderliebe kennen. Unter dem Alpdruck des Aberglaubens haben Menschen selbst im Namen des Gottes der Liebe zahllose Verbrechen verübt. Sorge deshalb dafür, daß nicht die geringste Spur davon in dir zurückbleibe.
Diese drei großen Verbrechen mußt du insbesondere meiden, denn sie machen jeden Fortschritt ganz unmöglich, weil sie gegen die Liebe agieren. Doch enthalte dich nicht nur des Bösen, sondern wirke tatkräftig für das Gute! Du mußt von dem innigen Wunsch zu dienen so erfüllt sein, daß du stets bereit bist, allem in deiner Umgebung nützlich zu sein, nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren und den Pflanzen. Solche Hilfe mußt du täglich schon in kleinen Dingen leisten, so daß dir dies zur Gewohnheit wird. Dann wirst du nicht die seltene Gelegenheit versäumen, wenn sich dir eine große Aufgabe bietet. Wenn du dich sehnst, eins mit dem zu werden das mancheiner Gott nennt, tust du dies doch nicht um deinetwillen, sondern du willst eine Stromleitung für seine Liebe werden, damit sie deinen Mitmenschen zuteil werde.
Wer auf dem Pfade wandelt, lebt nicht für sich selbst, sondern nur für die anderen; ,er hat sich selbst vergessen, um den andern zu helfen und zu dienen. Er ist gleichsam eine Schreibfeder in Gottes Hand, durch die Gottes Gedanke fließt und dadurch einen Ausdruck für sich finden kann, den er ohne solche Schreibfeder nicht haben könnte. Doch er gleicht auch einer Garbe von lebendigem Feuer, das auf die Welt ausstrahlt.
 
Weisheit, die dich fähig macht zu helfen, Wille, der die Weisheit ausführt, Liebe, begeisternd durch den Willen wirkt - das sind die drei Erfordernisse.
Wille, Weisheit, Liebe sind des Logos Wesensformen. Dienst du Ihm, so strahlen eben diese seine Wesensformen durch dich in die Welt."

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>>> Die sieben Täler <<<

Von Fariduddin Attar

Bevor Attar durch ein einschneidendes Erlebnis zur "Mystik" findet, ist er Besitzer einer Drogerie, daher sein Rufname Attar („der Drogist“).

Dieses Erlebnis ist folgendermaßen überliefert worden:
Seit einigen Stunden hatte sich ein Wandersufi vor dem Geschäft von Attar hingesetzt und starrte die ganze Zeit auf seine Auslage. Attar der befürchtete das seine Kundschaft durch die Anwesenheit dieses Mannes vertrieben werden könnte wandte sich mit harschem Ton an ihn: Wenn du was kaufen willst dann tu dies und geh. Der Sufi stand auf und sagte: Ich brauche nichts doch mache ich mir Sorgen für dich, wie du gehen möchtest und all dies auf dieser Welt zurücklassen willst. Darauf entgegnete Attar: Das was ihr sagt ist doch nur leeres Geschwätz. Ihr hängt genauso an dieser Welt, dein sterben wird genauso schwer sein wie meines. Der Sufi meinte er glaube dies nicht, zog seine Schuhe aus, setzte sich, sprach eine Sure , lächelte, schloss seine Augen und starb.

Manteq-ot-teir "Vogelgespräche"


Die sieben Täler
Das erste Tal, das sich darbietet, ist das Tal des Verlangens, nach ihm kommt das der Liebe, das keine Grenze hat, das dritte ist das der Erkenntnis, das vierte das der Selbstgenügsamkeit, das fünfte das der reinen Einheit, das sechste das der Bestürzung, das siebente endlich ist das Tal der Auflösung und der Verschmelzung, über das hinaus keiner fortschreiten kann.

1. Das Tal des Verlangens
Sobald du in das Tal des Verlangens eingetreten bist, wird Leid dich wieder und wieder überfallen. In jedem Augenblick wirst du da hundert Prüfungen erfahren; der Papagei des Firmaments ist da nur eine Fliege. Du wirst lang in diesem Tale in mühevoller Spannung und steter Wandlung deines Zustands verbringen. Du wirst deine Schätze verlassen und alles was du besitzest ins Spiel werfen müssen.

Und hast du die Gewissheit gewonnen, dass du nichts mehr besitzest, musst du noch dein Herz ablösen von allem was ist. Ist es von allein Anblick der Sonderung befreit, dann leuchtet ihm die göttliche Herrlichkeit auf und durch dieses Licht, das sich dir offenbart, wächst dein Begehren ins Unendliche.

2. Das Tal der Liebe
Um hier einzutreten, muss man ganz in Feuer tauchen, ja man muss selber Feuer sein, denn sonst könnte man da nicht leben. Der wahrhaft Liebende muss dem Feuer gleich sein, entflammten Angesichts, brennend und ungestüm wie das Feuer. Um zu lieben, darf man keinen Hintergedanken haben; man muss bereit sein, hundert Welten ins Feuer zu werfen; man muss weder Glauben noch Unglauben kennen, weder Zweifel noch Zuversicht hegen. Auf diesem Wege ist kein Unterschied zwischen Gut und Böse; wo die Liebe ist, sind Gut und Böse entschwunden...

In diesem Tale ist die Liebe das Feuer und sein Rauch ist die Vernunft. Wenn die Liebe kommt, entflieht die Vernunft in Eile. Die Vernunft kann mit der Raserei der Liebe nicht zusammenwohnen; die Liebe hat nichts zu schaffen mit der Vernunft des Menschen. Gewännest du einen rechten Blick der unsichtbaren Welt, dann erst vermöchtest du zu erkennen die Quelle der geheimnisreichen Liebe, die ich dir verkündige. Das Dasein der Liebe wird Blatt für Blatt völlig zerstört von der Trunkenheit der Liebe selbst.

3. Das Tal der Erkenntnis
Wenn die Sonne der Erkenntnis an der Wölbung dieses Weges strahlt, den man nicht würdig zu beschreiben vermag, zeigt sich in Klarheit das Geheimnis des Wesens der Dinge, und der feurige Ofen der Welt wird zum Blumengarten. Der Wandrer wird die Mandel unter ihrer Schale schauen. Er wird sich selbst nicht mehr erblicken, nichts mehr wird er erblicken als seinen Freund allein; in allem, was er sehen wird, wird er sein Antlitz schauen, in jedem Atom die Sphäre des Alls; unterm Schleier wird er zahllose Heimlichkeiten betrachten, die leuchten wie die Sonne...

Die sichtbare Welt und die unsichtbare Welt sind für die Seele nichts; der Körper ist der Seele nicht verborgen, noch die Seele dem Körper. Bist du aus der Welt ausgegangen, die nichts ist, dann findest du den Ort, der dem Menschen bestimmt ist.

4. Das Tal der Selbstgenügsamkeit
Dieses Tal ist nicht so leicht zu durchschreiten, wie du es in deiner Einfalt glauben möchtest. Wenn auch das Blut deines Herzens sich in dieses Meer ergösse, könntest du nur die erste Station erreichen. Und durchliefest du alle Straßen der Welt, du fändest dich immer, wenn du drauf wohl achtetest, beim ersten Schritt. In der Tat hat kein Wandrer das Ziel seiner Reise geschaut und die Heilung seiner Liebe sehen können.

In diesem Tale darf niemand in der Untätigkeit bleiben, und nur in der Reife darf man es betreten. Es ist nun an der Zeit zu handeln, anstatt in der Ungewissheit oder in der Sorglosigkeit zu leben: erhebe dich also und durchschreite dieses mühsame Tal. Opfre also deinen Geist und dein Herz auf dieser Bahn, sonst musst du verzichten, dir genügen zu können.

5. Das Tal der Einheit
Dies ist der Ort der Entblößung von allen Dingen und der Einung. Alle, die in dieser Wüste das Haupt erheben, ziehen es aus dem gleichen Kragen. Magst du auch viele Einzelwesen sehen, es gibt in Wirklichkeit nur wenige, nein, es gibt eines nur. Da die Menge von Personen wahrhaft nur eine ausmacht, ist diese vollkommen in ihrer Einheit. Was sich dir aber als eine Einheit darstellt, das ist nicht verschieden von dem, was gezählt wird. Da das Wesen, das ich verkündige, außer dieser Einheit und der Zahl ist, lasse du ab, der Ewigkeit des Vordem und der Ewigkeit des Danach nachzusinnen; und da die beiden Ewigkeiten zerronnen sind, gedenke ihrer nicht mehr...

Wenn der Wanderer in dieses Tal eingetreten ist, verschwindet er wie die Erde unter seinen Füßen. Er wird verloren sein, denn das einzige Wesen wird offenbar sein. Er wird stumm sein, denn das einzige Wesen wird reden. Der Teil wird das Ganze werden, oder vielmehr er wird weder Teil noch Ganzes sein. Es wird eine Gestalt ohne Körper sein...

Was ist der Verstand? Er ist an der Schwelle des Tores geblieben, wie ein blind geborenes Kind. Wer etwas von diesem Geheimnis gefunden hat, wendet das Haupt vom Reiche beider Welten ab...

Das Wesen, das ich verkündige, ist nicht gesondert da; die ganze Welt ist dieses Wesen; Sein oder Nichtsein, es ist immer dieses Wesen...

6. Das Tal der Bestürzung
Auf das Tal der Einheit folgt das der Bestürzung. Da ist man die Beute der Traurigkeit und des Stöhnens. Da sind die Seufzer wie Schwerte; und jeder Hauch ist eine bittre Klage. Da ist nichts als Weheruf, als Leid, als zehrende Glut; da ist Tag und Nacht zugleich, und da ist weder Tag noch Nacht...

Wie wird der Mensch in seiner Bestürzung weitergehen können? Er wird betäubt werden und sich auf dem Wege verlieren. Aber der die Einheit im Herzen eingegraben hat, vergisst alles und vergisst sich selbst. Wenn man ihm sagt:

»Bist du oder bist du nicht; hast du das Gefühl des Seins oder hast du es nicht; bist du in der Mitte oder bist du am Rande; bist du sichtbar oder verborgen; bist du vergänglich oder unsterblich; bist du das eine und das andere oder weder das eine noch das andere; bist du du selbst oder bist du es nicht?«

wird er antworten: »Ich weiß nichts davon, ich bin dessen unkundig und ich bin meiner unkundig. Ich bin verliebt, aber ich weiß nicht in wen; ich bin weder treu noch ungetreu. Was bin ich doch? Ich bin selbst meiner Liebe unkundig; ich habe das Herz von Liebe voll und von Liebe leer zugleich« ...

Wer in das Tal der Bestürzung eintritt, der tritt in jedem Augenblick in einen so großen Schmerz ein, dass er hinreichen würde, um hundert Welten zu betrüben. Aber wie lange noch werde ich die Trübsal und die Wirrnis des Geistes ertragen? Da ich verirrt bin, wohin werde ich gehen? Ich weißes nicht, aber möge es Gott belieben, dass ich es wisse ! . . .

7. Das Tal der Auflösung und der Verschmelzung
Es ist unmöglich, dieses Tal zu schildern. Als sein wesentlicher Zustand ist anzusehen das Vergessen, die Stummheit, die Taubheit und die Ohnmacht. Da siehst du in einem einzigen Strahl der Sonne die Tausende ewiger Schatten verschwinden, die dich umgaben.

Wenn das Meer der Unendlichkeit seine Wogen zu regen beginnt, wie sollten die Bilder dauern, die auf seiner Fläche gezeichnet waren? Diese Bilder sind die gegenwärtige Welt und die kommende Welt. Wer erklärt, sie seien nicht, erwirbt ein großes Verdienst. Wessen Herz sich in diesem Meere verloren hat, ist darin für immer und bleibt in der Ruhe...

Ein unreiner Gegenstand mag in ein Meer von Rosenwasser fallen, er wird in der Nichtigkeit bleiben durch seine Eigenschaft. Aber wenn ein reines Objekt in dieses Meer fällt, wird es sein besonderes Dasein verlieren, es wird an der Bewegung der Fluten teilnehmen; indem es gesondert dazusein aufhört, beginnt es schön zu sein. Es ist und ist nicht. Wie kann dies geschehen? Es ist dem Geiste unmöglich, es zu fassen...

Wer die Welt verlassen hat, um dieser Bahn zu folgen, findet den Tod, und nach dem Tode die Unsterblichkeit...

Schlage den Mantel des Nichts um dich und trinke vom Becher der Verschmelzung, bedecke deine Brust mit der Liebe zum Dahinschwinden und setze den Burnus des Nichtseins aufs Haupt. Stelle den Fuß ins Steigeisen des unbedingten Verzichtes und treibe entschlossen dein Roß zum Orte, wo nichts ist. In der Mitte und außer der Mitte, drunter, drüber, in der Einheit, umgürte deine Lenden mit dem Gürtel des Entwerdens. Öffne deine Augen und schaue. Wenn du verloren sein willst, wirst du es in einem Augenblick sein, dann wieder auf eine andere Weise; aber du schreite ruhig, bis du zum Reiche der Aufhebung kommst. Besitzest du nur das Ende eines Haares aus dieser Welt, wirst du nie eine Kunde von jener Welt empfangen. Bleibt dir die kleinste Ichsucht, werden die sieben Ozeane dir voll des Unheils sein...

Wirf alles was du hast ins Feuer, bis zu den Schuhen.

Wenn du nichts mehr hast, denk nicht einmal ans Leichentuch und wirf dich nackt ins Feuer...

Wenn dein Inneres im Verzicht gesammelt sein wird, dann wirst du jenseits von Gut und Böse sein. Wenn es für dich weder Gut noch Böse geben wird, dann erst wirst du lieben, und du wirst endlich würdig sein der Erlösung, die das Werk der Liebe ist.

Was mich betrifft, der ich weder ich noch ein andrer als ich geblieben bin, ich habe mich ganz verirrt, weitweg von mir; ich fand in meinem Zustande kein andres Heil als die Verzweiflung. Als dann die Sonne der Auflösung über mir leuchtete, verbrannte sie beide Welten so leicht wie ein Hirsekorn. Als ich die Strahlen dieser Sonne sah, bin ich nicht getrennt geblieben: der Wassertropfen ist ins Meer zurückgekehrt. Ob ich auch in meinem Spiele zuweilen gewonnen und zuweilen verloren habe, zuletzt warf ich alles in das schwarze Wasser. Ich bin ausgewischt worden, ich bin verschwunden; nichts ist von mir geblieben. Ich war nur noch ein Schatten, kein kleinstes Stäubchen war von mir da. Ich war ein Tropfen, im Ozean des Mysteriums verloren, und jetzt finde ich auch diesen Tropfen nicht mehr.



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Isaak von Ninive,
auch Isaak der Syrer (ca. 640- 700) Einsiedler, Asket, Mystiker


"Der Baum muß abwerfen die alten Blätter, um neue Sprossen zu treiben."

"Zur selben Zeit, wo die Gnade angefangen hat, deine Augen zu öffnen, so daß du die wahre Gestalt der Dinge merkst, beginnen deine Augen Tränen zu vergießen, bis daß sie durch ihre Menge deine Wangen abwaschen, und der Andrang der Sinne wird zur Ruhe gebracht, indem sie friedlich in dir eingeschlossen werden."


»Rein« in seinen Gedanken ist nicht derjenige, der nichts Böses kennt. In diesem Sinn wäre es auch das Tier. Auch derjenige ist nicht rein, der auf der Stufe des Kindes geblieben ist, und auch von solchen ist nicht die Rede, die nie die Versuchung vom Bösen erfahren haben. Die Reinheit des Geistes ist vielmehr jene Hingabe an das Göttliche, die nach vielen Werken der Tugend zustande kommt. Indes sind böse Gedanken etwas anderes als ein böser Wille (Absicht). Nach der Richtung, die er(der Wille) einhält, wird Lohn oder Strafe bemessen, nicht nach dem Hin und Her der Gedanken.

Deine Lesung geschehe in vollkommener Ruhe, während du frei bist von der Vielheit äußerer Sorgen und der Geschäfte Verwirrung: so wird sie deiner Seele einen süßen Geschmack gewähren durch die Wonne der übersinnlichen Erleuchtungen, die die Seele bei der steten Beschäftigung mit dem Geistigen erfährt.

Halte dich fern von dem Vielen und trage Sorge um deinen eigenen Wandel, damit deine Seele bewahrt bleibe vor innerer Unruhe! Sitze in deiner Zelle, sie wird dich über alles belehren! Einöde errötet die äußeren Sinne und macht rege die Sinne des inneren Lebens.

Verfolge dich selbst, so wirst du deinen Widersacher von dir vertreiben! Halte Frieden in deiner Seele, so werden Himmel und Erde mir dir im Frieden sein! Bestrebe dich, in die Schatzkammer einzutreten, die in deinem Innern ist, so wirst du die himmlische sehen; denn beide sind ein und dasselbe. Trete ein in die eine, und du wirst beide in einem erschauen.

»Alles gesellt sich dem, was ihm ähnlich ist«. So wird auch die Seele, die dem Geiste verwandt ist, mit Inbrunst gezogen, sobald sie ein Wort vernimmt, in welchem geistige Kraft verborgen ist.

Diejenigen, die in Gnaden durch heiligen Wandel zur Erleuchtung geführt werden, bemerken, wie gleichsam ein geistiger Lichtstrahl zwischen den Aussprüchen der Schrift aufleuchtet, der ihrem Verstande den buchstäblichen Sinn durch tiefe Erkenntnis erschließt.

Solange der Mensch noch nicht „den heiligen Geist“ empfangen hat, bedarf er täglich der geschriebenen Zeilen, um sein Herz zu guten Gedanken zu regen und durch stete Betrachtung sich immer wieder zu Vollkommenheit zu spornen und zu Vorsicht vor den feinen Schleichwege.

Die Übung der Tugend achte: bei Tag und bei Nacht mit verschränkten Armen auf deinem Antlitz zu liegen ! Diese Übung sollst du pflegen, wenn dir daran gelegen ist, daß die innere Wallung niemals ermatte und die Tränen nicht versiegen.

Selig, o Mensch, wenn du dem Himmlischen nachsinnst bei Tag und bei Nacht und nach nichts anderem verlangest! Dann wird wie der Morgen aufgehen dein Licht und gar bald erstrahlen deine Gerechtigkeit. Einem Wonnegarten wirst du gleichen und einer Quelle, deren Wasser nimmer versiegen!

Willst du sehen, wieviel der Mensch durch anhaltenden Eifer erlange: Siehe, da liegt einer auf den Knien, auf einmal, während er so im Flehen und Seufzen liegt, bricht plötzlich aus seinem Herzen die Quelle der Süßigkeit, seine Glieder beginnen zu wanken, seine Augen schließen sich, sein Antlitz neigt sich zur Erde und seine Sinne schwinden, so daß selbst die Knie ihn nicht mehr zu tragen vermögen vor Entzücken über die Seligkeit, die seinen ganzen Leib durchstrahlt.

Dies sei dir das Merkzeichen, daß auch du in der Ruhe und in der rechten Übung der Demut bist und deine Seele daran ist, die Finsternis zu verlassen: Dein Herz wird entbrennen und Tag und Nacht wie im Feuer überwallen, und alles Irdische wird dir wie Asche und Kot erscheinen, so mächtig und glühend ist das Entzücken, das du in deiner Seele erlebst. Und eine Quelle der Tränen wird dir gegeben, so daß sie von selbst wie Bäche strömen aus deinen Augen und sich mit all deinen Werken verbinden; und mit allem, was du nur tust, mischen sich deine Tränen.

Wenn du solches in dir bemerkst, dann sei getrost: du hast das Meer überschritten! Aber mühe dich immer mehr und halte sorgfältig Wache über dich, so wirst du Tag um Tag zunehmen.

Der innere Mensch steht ohne Frucht, solange er noch der Frucht der Tränen ermangelt. Hast du aber dies Land betreten, dann wisse, daß dein Geist verlassen hat das Gefängnis dieser Welt und seinen Fuß gesetzt auf den Weg des neuen Menschen und seine Luft zu atmen beginnt, des wunderbaren, des neuen Standes. Denn beginnt der Fluß der Tränen, so beginnen die Geburtswehen des geistlichen Menschen. Die Gnade, die allen bestimmt ist, hat deine Seele befruchtet, daß sie heimlich gebäre die Gottesgestalt für die Glorie der künftigen Welt. Und da die Zeit gekommen, da sie gebären soll, beginnt es in der Seele sich zu regen, und von verborgener Kraft gezogen tritt das Kind aus seinem Mutterschoße. Das Ungewohnte aber, das ihm widerfährt, läßt allsogleich die Glieder sich bewegen: es weint —Tränen, die doch süß wie Honig sind. Und je kräftiger es von innen wächst, um so reichlicher ist die Fülle von Tränen, und gleich einer Wasserquelle sind die Augen. So geht es wohl zwei Jahre und darüber. Dann aber kommt man zum Frieden der Gedanken, zu jener Ruhe, von der der selige Paulus spricht (Hebr. 11; 13). Und wenn du gelangt sein wirst in dieses Land des Friedens der Gedanken, so wird von dir genommen werden die Menge der Tränen, und danach werden sie nur mehr in bekömmlichem Maße kommen.

Die Heiligen alle trauerten und ihre Augen waren immer tränenvoll. Allüberall haben die Vollkommenen und die Überwinder geweint. Und keine Zeit ist, wo sie nicht die Tröstung dieser Tränen erfahren würden, und so schauen sie stets dem lichte zu. Solang sind die Tränen in ihren Augen, bis sie verdienen das Gesicht seiner Offenbarungen, wie er sagte: »Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden«.


Nach diesem Tore zielen alle Heiligen; denn durch Tränen öffnet sich ihnen die Pforte, daß sie eintreten zum Lande des Trostes — zum Lande, wo Gottes Spuren dem Schauenden sichtbar werden durch Offenbarung. Durch unversiegliche Tränen empfing die Seele den Frieden der Gedanken und ward erhöht zur Reinheit des Geistes. Durch Reinheit des Geistes gelangt sie zur Schauung der Geheimnisse; denn die Reinheit ist beschlossen in jenem Frieden, der dem inneren Kampfe folgt.

Wohl mag es dir oft begegnen, das dies etwas Gewöhnliches in der Einöde — daß nach dem Ratschluß der Gnade die Seele in ihrem Innern von Finsternissen bedeckt wird: wie die Sonnenstrahlen manchmal von dunklen Wolken verhüllt sind über der Erde, so wirst du eine Zeitlang des geistlichen Trostes beraubt. Das innere licht wird verhüllt von einer Schattenwolke der Fehler; es fehlt dir deine fröhliche Kraft; ein ungewohntes Dunkel umlagert die Seele. Da laß dich nicht verwirren in deinem Innern und strecke deine Hand nicht aus zu Torheit, sondern verharre geduldig: lies in den Büchern der Weisen, zwinge dich zum Gebete und erwarte die Hilfe — sie wird kommen, du merkst es nicht. Denn wie sich aufhellt die Fläche der Erde vor dem Sonnenstrahl nach dichter Nebelhülle, so ist mächtig das Gebet, zu lösen und zu zerreißen vor der Seele die Wolken deiner Fehler und aufzuhellen den Geist mit tröstlichem Freudenlicht, besonders wenn sie die heiligen Bücher liest und Wachsamkeit beachtet.

Geistliche Tröstung und Niedergeschlagenheit können nicht zugleich in der Seele sein, so wenig als der Trunkene in gedrückter Stimmung zu sein pflegt.Wessen Geist von solcher Tröstung entzündet ist, der wird hingerissen in seiner Betrachtung zur künftigen Welt, die er in der Hoffnung vor sich sieht.

Solches geschieht denen, die geraden Herzens sind und von lebendiger Hoffnung erfaßt sind. Vieles kosten sie schon im Anfang durch den bloßen Glauben der Seele, was sonst nur nach langen Mühen der Reinigung denen verliehen wird, die die einzelnen Stufen des geistlichen Weges der Reihe nach durchlaufen.

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Die aus der Dunkelheit kamen und reines Licht wurden

Lange bevor sie aus der Dunkelheit kamen, war da schon Licht in der Welt. Und als sie sich noch durch das graue Zwielicht kämpften, strahlte schon alles, was lebte oder nicht - Pflanze und Tier, Wasser und Stein - seine eigene Farbe aus.
Wachstum war überall, und seine Entwicklung konnte am Wechsel von Farbe und Licht wahrgenommen werden. Und über viele Generationen hin wurde ihr Licht immer stärker und veränderte sich allmählich vom dunklen Grau in sanft leuchtende Farben, bis sie irgendwann einmal klare und reine Farben auszustrahlen begannen.
Und da entdeckten sie das Licht und die Farben um sich herum und sahen, dass alles und jedes sein eigenes Licht ausstrahlte, das sich selbst dann geringfügig unterschied, wenn sie von gleicher Art waren.
Und sie erforschten die Farben um sich herum und stellten dann irgendwann einmal fest, dass sie mehr als nur eine Farbe ausstrahlten. Sie erblickten Schattierungen von allen Farben, und diese veränderten sich mit ihren Gefühlen und Gedanken. In Zorn und Hass wurden sie trüb und dunkel, in Liebe und Freude hell und leuchtend.
Wenn sie an Dingen vorübergingen, vermischte sich deren Licht mit den ihren. Und auch wenn sie unter ihresgleichen waren, verschmolzen ihre Farben miteinander und wurden schön, wenn sie sich liebten, und hässlich im Hass.
Und sie bebauten das Land und errichteten Städte, und dabei veränderten sie die Umgebung und die Farben des Lichts. Und sie schufen Dinge in den Farben, die sie wollten, doch sie konnten keine Dinge erschaffen, die heller als sie selbst waren.
Und sie beschlossen, dort zu leben, wo Harmonie zwischen ihren Farben und dem Licht in der Nähe war. Und wenn der Ort richtig gewählt war, dann wurden ihre Farben eins mit dem Licht, das sie umgab; und diese Schönheit zu sehen machte sie glücklich. Und wenn der Ort falsch gewählt war, dann waren ihre Farben in Widerstreit mit dem Licht, das sie umgab; und diese Disharmonie zu sehen, machte sie unglücklich.
Und wenn sie hell waren, dann lebten sie an hellen Orten oder brachten Licht in die Dunkelheit. Und wenn sie dunkel waren, dann lebten sie an dunklen Orten und waren solange in Harmonie, bis sie selbst heller wurden, und dann zogen sie weiter. Und sie verspürten das Bedürfnis, immer heller zu werden, und so beteten sie zur Quelle des Lichts.
Und manche strahlten Licht aus, das war heller und stärker, und diese waren gütig und weise. Und als sie sich bereit dazu fühlten, gingen sie in die Wüste, wo das Licht am allerreinsten ist. Und dort verehrten sie das Licht, das schon dort war, ehe sie aus der Dunkelheit kamen, und sie wurden immer heller, bis sie schließlich mit dem klaren weißen Licht verschmolzen. 




Vom Königssohn und dem Sohn der Magd, die vertauscht wurden
Es war einmal ein König; in dessen Haus gab es eine Magd, die der Königin diente. (Wahrscheinlich darf eine einfache Köchin nicht beim König eintreten; doch handelte es sich um eine niedrige Magd für irgendeinen kleinen Dienst.) Es kam die Zeit, da die Königin gebären sollte. Zur gleichen Zeit sollte auch ihre Magd niederkommen. Da ging die Hebamme hin und vertauschte die beiden Säuglinge, um zu sehen, was sich wohl daraus ergeben würde. Das Kind des Königs nahm sie und legte es neben die Magd; das Kind der Magd legte sie neben die Königin. Beide Söhne wuchsen heran, und der Sohn des Königs (d. h. das Kind, das beim König aufwuchs und von dem man meinte, es sei sein Sohn) wurde großgezogen und gefördert, Stufe um Stufe, bis er ein kräftiger Bursche geworden war. Der Sohn der Magd (d. h. der in Wirklichkeit der Sohn des Königs war) wuchs bei der Magd auf. Beide Kinder lernten gemeinsam in ein und derselben Schule.

Der wahre Königssohn war von Natur aus zu königlicher Art hingezogen, wiewohl er im Hause eines Knechts aufwuchs. Umgekehrt sah sich der Sohn der Magd von Natur aus zu einer anderen, nicht königlichen Art hingezogen. Da er aber im Hause des Königs aufwuchs, mußte er sich nach königlicher Art verhalten, denn so wurde er erzogen, und so ging man mit ihm um. Die Hebamme aber – Frauenart ist leichtfertig – ging hin und vertraute jemandem an, daß sie die Kinder vertauscht hatte. Jeder Mensch hat einen Freund, und auch der Freund hat seinen Freund; so sagt einer dem anderen das Geheimnis, bis es offenkundig ist: Alle Welt redet heimlich davon, daß der Königssohn vertauscht worden ist. Natürlich kann man nicht offen darüber reden. Der König darf es nicht erfahren, denn was könnte er in dieser Sache schon tun? Richtigzustellen ist so etwas nicht. Er kann es nicht glauben – es ist vielleicht erlogen. Und wie sollte man den Tausch wieder rückgängig machen? Also darf man es auf keinen Fall dem König mitteilen. Heimlich aber redete das Volk darüber. Es kam der Tag, an dem jemand den Königssohn das Geheimnis wissen ließ: man sage von ihm, er sei vertauscht worden. »Du kannst das aber nicht herausfinden, denn es steht dir nicht an; und wie will man auch so etwas herausfinden! Ich erzähl es dir, weil du es wissen mußt. Vielleicht wird es einmal eine Verschwörung gegen das Königshaus geben, und diese Verschwörung wird dadurch an Macht gewinnen, daß man sagt, sie wollten den Königssohn zum König, d. h. den, von dem sie sagen werden, er sei der wahre Königssohn. Du solltest dir also Gedanken über diesen Jüngling machen und wie du ihn loswerden kannst!« Da machte sich der Königssohn daran, den Vater des anderen zu schikanieren. Er verlegte sich darauf, ihm stets nur Böses anzutun. Er drangsalierte ihn auf vielerlei Art, um ihn zu zwingen, mit seinem Sohn fortzuziehen. Solange der König noch lebte, hatte der Prinz nicht die Macht, ihn zu vertreiben; darum tat er ihm nur Böses an. Der König aber wurde alt und starb. Der Sohn übernahm die Herrschaft und fügte daraufhin dem Vater des anderen noch mehr Böses zu, was er aber vertuschte, damit man nicht merkte, daß es von ihm kam; denn es würde keinen guten Eindruck auf die Leute machen. Ein Übel nach dem anderen tat er ihm an, und der Vater erkannte, daß es ihm jenes Gerüchtes wegen geschah. Er nahm den Sohn beiseite, erzählte ihm die ganze Geschichte und sagte: »Ich habe großes Mitleid mit dir. Solltest du mein Kind sein, habe ich gewiß großes Mitleid mit dir; solltest du aber nicht mein Kind sein, sondern wirklich der Sohn des Königs, hab ich gewiß noch größeres Mitleid mit dir, denn der junge König will dich, Gott bewahre, zugrunde richten. Du mußt fort von hier.« Es bekümmerte ihn sehr und kam ihn übel an. Aber der König fügte ihm immer mehr Schlechtigkeiten zu. Der Sohn sah ein, daß er fortziehen müsse. Der Vater gab ihm Geld, und er ging davon. Es verdroß ihn sehr, ohne Grund aus seinem Land vertrieben worden zu sein. Er fragte sich: »Warum und wozu trifft es mich, vertrieben zu werden? Bin ich der Königssohn, so habe ich es gewiß nicht verdient. Doch selbst dann, wenn ich nicht der Königssohn sein sollte, hab ich es nicht verdient, grundlos auf der Flucht zu sein. Was habe ich denn gefehlt, wie denn bin ich schuldig?« Er war sehr verdrossen, begann zu trinken und ging in die Hurenhäuser. Er wollte sein Leben damit verbringen, sich zu betrinken und das zu tun, wonach es ihn gelüstete, weil er ohne Grund vertrieben worden war. Der junge König regierte sein Land mit harter Hand. Wenn er erfuhr, daß Leute über jene Vertauschung tuschelten und redeten, nahm er Rache an ihnen und bestrafte sie aufs strengste. Er herrschte machtvoll und mit großer Gewalt. Es kam ein Tag, da ging der König mit seinen Fürsten auf die Jagd. Sie kamen an einen lieblichen Ort, an dem ein Wasser vorbeifloß. Dort verweilten sie, um auszuruhen und sich zu ergehen. Der König legte sich eine Weile zur Ruhe. Da kam ihm in den Sinn, daß er jenen anderen ohne Grund vertrieben hatte. Wenn jener wirklich der Königssohn ist, war es dann nicht genug, daß er vertauscht wurde? Warum ihn noch vertreiben? Ist er aber nicht der Königssohn, dann verdient er es auch nicht, vertrieben zu werden. Worin hätte er denn gefehlt? Der König dachte darüber nach und empfand Reue über das große Unrecht, das er begangen hatte. Er wußte sich keinen Rat, denn über so etwas kann man sich mit niemandem beratschlagen. Der König verfiel in Trauer und Sorge. Er hieß die Fürsten umkehren, denn da ihn Sorge befallen hatte, wollte er nicht länger Spazierengehen. Sie kehrten nach Hause zurück. Dort aber hatte der König die verschiedensten Dinge und Angelegenheiten zu regeln, so daß er die Sache wieder aus dem Sinn verlor. Der, der vertrieben worden war, tat, was er tat, und brachte sein Geld durch. Einmal war er allein auf einem Spaziergang und legte sich nieder, um auszuruhen. Da kam ihm in den Sinn, was ihm widerfahren war, und er begann nachzudenken: »Warum hat Gott, Er sei gepriesen, mir dieses angetan? Bin ich der Königssohn, so hab ich das gewiß nicht verdient. Und bin ich nicht der Königssohn, hab ich's auch nicht verdient, flüchtig und vertrieben zu sein.« Dann überlegte er und dachte: »Im Gegenteil. Wenn Gott, Er sei gepriesen, so etwas zulassen kann, daß man einen Königssohn vertauscht und es ihm so ergeht, ist es dann recht, daß ich mich so benehme? Ist das richtig, was ich getan habe? Ziemt es sich für mich, daß ich mich so verhalte, wie ich es tue?« Er begann, seine schlechten Taten zu bedauern und zu bereuen. Er kehrte zu dem Ort, an dem er wohnte, zurück. Wohl fuhr er fort zu trinken, doch da er anfing, Reue zu empfinden, verwirrten ihn die Gedanken an Reue und Umkehr, die ihm immer wieder in den Sinn kamen. Einmal, als er sich schlafen gelegt hatte, träumte ihm: An dem und dem Ort findet an dem und dem Tag ein Markt statt. Dorthin soll er gehen und die erstbeste Möglichkeit, mit irgendeiner Arbeit etwas zu verdienen, sogleich ergreifen, auch wenn sie unter seiner Würde ist. Er wachte auf, und der Traum blieb in seinen Gedanken haften. Oft verfliegen die Träume wieder, doch dieser Traum drängte sich in seine Gedanken. Es schien ihm aber sehr schwer, dem Traum zu folgen, und er fuhr fort zu trinken. Mehrere Male noch träumte er denselben Traum, der ihn sehr verwirrte. Einmal wurde ihm im Traum gesagt: »Wenn du mit dir selbst Erbarmen haben willst, so führ es aus!« Da mußte er den Traum erfüllen, ging hin, nahm sein letztes Geld und bezahlte damit die Herberge, in der er wohnte, ließ dort seine guten Kleider zurück, kleidete sich wie ein gewöhnlicher Händler und fuhr zu jenem Markt. Dort angelangt, stand er frühmorgens auf und ging auf den Markt. Da begegnete ihm ein Händler und sagte zu ihm: »Willst du was verdienen?« Er antwortete: »Ja.« Sagte der Händler: »Ich habe Vieh zu treiben. Du kannst dich bei mir verdingen.« Er hatte keine Zeit zu überlegen und sagte des Traumes wegen gleich zu. Der Händler stellte ihn ein und begann mit ihm umzuspringen wie der Herr mit dem Knecht. Und er begann nachzudenken über das, was er da tat, denn solche Knechtsarbeit paßte gewiß nicht zu ihm, der er doch ein empfindsamer, ein feiner Mensch war. Aber jetzt wird er Vieh treiben müssen und neben den Tieren zu Fuß dahertraben. Doch schon ist es unmöglich, die Abmachung wieder aufzuheben, denn der Händler behandelt ihn bereits wie der Herr den Knecht. Also fragte er den Händler: »Wie soll ich allein mit dem Vieh gehen?« Der entgegnete: »Ich habe noch andere Hirten, die mein Vieh treiben, mit ihnen wirst du ziehen.« Er übergab ihm einige Tiere, die er treiben sollte, die führte er aus der Stadt hinaus, dahin, wo sich die übrigen Hirten, die Viehtreiber, versammelt hatten. Gemeinsam zogen sie davon, und er trieb die Tiere. Der Händler ritt neben ihnen her, hochmütig und ohne jedes Mitgefühl, und den Königssohn behandelte er noch unbarmherziger. Der war zutiefst vor dem Händler erschrocken, weil er sah, daß dieser grausam und voll Zorn gegen ihn war. Er fürchtete, wenn der Händler ihn nur einmal mit dem Stecken schlüge, wäre er auf der Stelle tot. So trieb er das Vieh, und der Händler ritt mit ihnen. Sie gelangten an einen Ort, und man nahm den Sack, in dem das Brot der Hirten war, und sie bekamen davon zu essen. Auch er aß von dem Brot. Danach kamen sie in die Nähe eines sehr tiefen Waldes. Da liefen zwei von den Tieren des Königssohnes, der zum Hirten geworden war, in den Wald hinein. Der Händler schrie ihn an, und er lief ihnen nach, um sie wieder einzufangen, aber sie flohen weiter, und er verfolgte sie. Da der Wald dicht und tief war, konnte einer den anderen nicht mehr sehen. Seine Genossen verloren ihn bald aus den Augen, und er verfolgte die beiden fliehenden Tiere, bis er ins tiefste Dickicht geriet und dachte: »Sei es wie es will, ich muß sterben. Komme ich ohne die Tiere zurück, sterbe ich durch die Hand des Händlers« – denn er hatte große Angst vor ihm; er glaubte, der Händler werde ihn umbringen, wenn er ohne die Tiere zurückkäme –, »und auch wenn ich hierbleibe, muß ich sterben, durch die wilden Tiere des Waldes.« Und er überlegte: »Wozu soll ich zu dem Händler zurückkehren? Wie könnte ich ohne die Tiere zu ihm kommen?« – Denn er hatte große Angst vor ihm. Er ging und jagte den Tieren weiter nach, die ihm jedesmal wieder entliefen. Darüber wurde es Nacht. Noch nie war es ihm zugestoßen, allein in einem solch tiefen Wald übernachten zu müssen. Er hörte das Brummen und Brüllen der wilden Tiere, die nach ihrer Art schrien. In der Frühe blickte er sich um und sah seine Tiere ganz in der Nähe stehen. Er sprang vom Baum herunter, um sie einzufangen, aber sie liefen wieder fort, immer weiter, blieben hier und da stehen, um zu grasen, doch er konnte sie nicht einholen. So ging es immer weiter, bis er schließlich weit weg von jeder menschlichen Wohnstatt in einen dichten Wald geriet, in dem die wilden Tiere vor einem Menschen überhaupt keine Scheu hatten. Wieder wurde es Nacht, und er hörte die Stimmen der wilden Tiere und fürchtete sich sehr. Er sah einen sehr hohen Baum und stieg hinauf.

Wie er oben auf dem Baum war, sah er dort einen Menschen liegen. Er erschrak, aber es war ihm auch tröstlich, auf einen Menschen zu stoßen. Sie fragten einander: »Wer bist du?« »Ein Mensch! Und wer bist du?« »Ein Mensch.« »Von wo kommst du hierher?« Er aber wollte jenem nicht erzählen, was sich mit ihm zugetragen hatte und antwortete: »Zwei von den Tieren, die ich gehütet habe, haben sich hierher verlaufen. Und wie bist du hierhergekommen?« Der andere gab zur Antwort: »Ich bin durch mein Pferd hierhergekommen. Ich war zu Pferd unterwegs, und bei einer Rast lief das Pferd in den Wald. Ich bin ihm nach, um es einzufangen, aber es ist immer weiter entlaufen, bis ich hierhergekommen bin.« Sie verabredeten miteinander, daß sie zusammenbleiben wollten. Selbst dann, wenn sie zu einer Siedlung gelangen würden. Sie verbrachten die Nacht dort und hörten die wilden Tiere brummen und brüllen und schreien. Gegen Morgen war ein ungeheures Gelächter über den ganzen Wald hin zu hören – so gewaltig, daß der Baum erzitterte. Er erschrak sehr und verspürte große Furcht. Da sagte der andere: »Ich habe davor schon keine Angst mehr, denn ich verbringe hier schon mehrere Nächte. So ist es jede Nacht. Wenn es zu tagen beginnt, hört man ein Gelächter, daß alle Bäume erbeben.« Er war sehr erschrocken und sagte: »Es scheint, als sei dies der Ort der Dämonen, denn da, wo es Menschen gibt, hört man solches Gelächter nicht. Hat man je auf der Welt solches Gelächter vernommen?« Gleich darauf wurde es Tag. Sie schauten sich um, und er sah seine Tiere dastehen, und auch das Pferd des anderen war da. Hinunter vom Baum und ihnen nachgesetzt! Dieser den beiden Tieren, jener seinem Pferd. Die Tiere entflohen, und er setzte ihnen nach. Genauso jagte der andere dem Pferde nach, doch das Pferd entlief jedesmal – bis sie einander aus den Augen verloren hatten und einer vom anderen nichts mehr wußte. Da fand er einen Sack mit Brot – etwas Lebenswichtiges in dieser Wildnis –, nahm den Sack auf die Schulter und lief weiter, den Tieren hinterdrein. Und es begegnete ihm ein Mensch. Er war zuerst erschrocken, aber er wär's auch zufrieden, einen Menschen zu finden. Der Mensch fragte ihn: »Wie kommst du hierher?« Er fragte zurück: »Und wie kommst du hierher?« Der antwortete ihm: »Ich und meine Eltern und die Eltern meiner Eltern sind hier aufgewachsen. Aber du, wie kommst du hierher? Denn hierhin gelangt kein Mensch von dort, wo Menschen wohnen.« Er erschrak mächtig, denn er verstand, daß der andere gar kein Mensch war. Denn er sagt, daß seine Eltern hier aufgewachsen sind und kein Mensch aus der bewohnten Welt je hierher gelangt. Doch der andere tat ihm nichts an, sondern war freundlich zu ihm. Der Waldmensch sagte: »Was tust du hier?« Er antwortete ihm, er jage Tieren nach. Da sagte ihm jener Mensch: »Hör auf, deinen Übeltaten nachzujagen. Es sind ja gar keine Tiere! Es sind deine Übeltaten, die dich so umtreiben. Genug jetzt, du hast deinen Teil schon abbekommen. Jetzt hör auf, sie weiter zu verfolgen. Komm mit mir, und du wirst erlangen, was dein ist.« Er ging mit ihm, fürchtete sich aber, mit ihm zu reden und ihn zu fragen – so ein Mensch brauchte vielleicht nur den Mund aufzureißen, um ihn zu verschlingen! Er ging hinterdrein. Dabei stieß er auf seinen Genossen, der dem Pferd nachgelaufen war. Gleich als er ihn sah, machte er ihm ein Zeichen, daß jener gar kein Mensch sei und er nicht mit ihm verhandeln solle. Der andere sah den Sack mit dem Brot auf seiner Schulter und fing an zu bitten: »Bruder, es ist schon Tage her, daß ich etwas gegessen habe. Gib mir Brot!« Er antwortete ihm: »Hier in der Wildnis hilft niemand; mein Leben geht vor, und ich brauche das Brot für mich.« Der bat noch inständiger: »Ich will dir alles geben, was ich dir geben kann!« Er antwortete: »Was könntest du mir in der Wildnis schon für Brot geben!« Da sagte der andere: »Ich geb mich selber her. Ich verkaufe mich dir als Knecht um das Brot.« Da überlegte er: »Um einen Menschen zu kaufen, lohnt es, ihm Brot zu geben.« So kaufte er ihn als seinen Knecht für immer. Der schwor ihm viele Schwüre, er werde auf immer sein Knecht bleiben, auch wenn sie an einen bewohnten Ort kommen sollten, nur solle er ihm Brot geben. Das heißt, sie würden beide aus dem Brotsack essen, bis das Brot zu Ende wäre. Sie gingen zusammen dem Waldmenschen nach. Der Knecht ging hinterher, und das machte ihm den Weg ein wenig leichter: Wenn er etwas aufheben oder sonst irgend etwas tun mußte, ließ er seinen Knecht es tun. So folgten sie dem Waldmenschen, bis sie einen Ort erreichten, wo es Schlangen und Skorpione gab. Er war sehr erschrocken, und vor Furcht fragte er den Waldmenschen: »Wie sollen wir da hindurchgehen?« Der antwortete: »Was denn sonst? Wie anders willst du in mein Haus?!« Und er zeigte ihm sein Haus, das in den Lüften stand. Sie gingen mit ihm, und er führte sie sicher hin, brachte sie in sein Haus, gab ihnen zu essen und zu trinken und ging wieder fort. Der Königssohn ließ seinen Knecht alles tun, wessen er bedurfte. Da verdroß es den Knecht sehr, daß er sich als Knecht verkauft hatte wegen der einen Stunde, in der er das Brot nötig hatte. Jetzt hatte er zu essen und zu trinken. Wegen dieser Stunde würde er nun für immer Knecht sein müssen. Er stieß einen tiefen Seufzer aus: »Wie weit ist es mit mir gekommen, daß ich zum Knecht geworden bin!« Er fragte ihn: »Welche Würde hattest du denn, daß du darüber seufzt, wohin es mit dir gekommen ist?« Der antwortete und erzählte ihm, er sei ein König gewesen und man habe von ihm gesagt, er sei vertauscht worden, usw. wie oben erzählt, und daß er seinen Freund vertrieben habe. Es sei ihm aber in den Sinn gekommen, daß er nicht recht gehandelt hatte, und er habe diese Tat bereut. Wieder und wieder hatten ihn Gefühle der Reue überkommen wegen der bösen Tat und des großen Unrechts, das er seinem Freund angetan. Einmal hatte ihm geträumt, was er tun müsse, um gebessert und wieder heil zu werden: Er müsse die Königswürde niederlegen und hingehen, wohin ihn seine Augen führen würden. Damit könne er seine Verfehlung wiedergutmachen. Das aber wollte er nicht tun. Doch immer wieder verwirrte ihn dieser Traum, bis er sich endlich entschloß, es zu tun. Er legte die Königswürde ab und ging und ging, bis er hierhin gekommen. Und jetzt war er Knecht! Der andere hörte sich alles an und schwieg und dachte: »Ich werde schon wissen, mit dir umzugehen.« Bei Nacht kam der Waldmensch und gab ihnen zu essen und zu trinken, und sie blieben über Nacht. Bevor es tagte, hörten sie das große Gelächter, das alle Bäume erzittern ließ. Da bat ihn der Knecht, er solle den Waldmenschen fragen, was das sei. Er fragte ihn: »Was ist das, dieses große Gelächter, kurz vor Tagesanbruch?« Er antwortete: »Der Tag verlacht die Nacht. Wenn die Nacht den Tag fragt: ›Warum hab ich keinen Namen, wenn du kommst?‹, dann lacht der Tag die Nacht laut aus und es wird Tag. Das ist das Lachen, das man kurz vor Tagesanbruch hört.« Das schien ihm ganz wunderbar und großartig, daß der Tag die Nacht verlacht. Wieder ging der Waldmensch in der Frühe fort, und sie blieben, aßen und tranken. Zur Nacht kam er wieder, sie aßen und tranken und übernachteten. Nachts hörten sie die wilden Tiere, wie sie alle brüllten und brummten mit sehr seltsamen Stimmen und Lauten. Der Löwe mit seinem Brüllen, der Panther mit seinem Fauchen, ein jedes mit einer anderen Stimme. Die Vögel zwitscherten und sangen und schier alle ließen ihre seltsamen Stimmen hören. Anfangs waren sie erschrocken und hörten aus Furcht diesen Stimmen nicht recht zu. Dann aber lauschten sie und erkannten, daß diese Stimmen eine Melodie bildeten und einen wunderbaren Gesang ergaben. Da horchten sie genauer hin und vernahmen die Stimme des Gesanges, und die Melodie war wunderbar und mächtig – so sehr, daß alle Lust der Welt matt und nichtig ist gegen die wundervolle Lust, die man verspürt, wenn diese Melodie zu hören ist. Da sagten sie sich, sie wollten wohl hierbleiben, wo sie zu essen und zu trinken hatten und dieses wundervolle Vergnügen, gegen das alles Vergnügen der Welt matt und nichtig ist. Der Knecht bat den Herrn, er möge den Waldmenschen fragen, was diese Melodie bedeute. Er fragte ihn und bekam zur Antwort: »Da die Sonne dem Mond ein Gewand gemacht hat, reden alle Tiere des Waldes, denn der Mond tut ihnen allen viel Gutes. Die Tiere haben ja ihre Macht vor allem des Nachts, wenn sie zuweilen in die von Menschen bewohnten Gegenden müssen, was sie bei Tag nicht können. So herrschen sie vor allem bei Nacht, und der Mond tut ihnen Gutes, indem er ihnen leuchtet. So sind sie alle übereingekommen, mit einem neuen Lied den Mond zu ehren – das ist die Melodie, die ihr hört.« Als sie gehört hatten, daß der Gesang ein Niggun sei, lauschten sie noch inniger und vernahmen eine ganz wunderschöne, so großartige wie liebliche Melodie. Der Waldmensch sagte: »Ist das etwas Besonderes für euch? Ach was! Ich habe ein Instrument, das ich von meinen Eltern erhalten habe, die es ihrerseits von ihren Vorfahren ererbt haben. Es ist ein Instrument aus bestimmten Blättern und Farben. Nimmt man's und legt es auf irgendein Tier oder irgendeinen Vogel, so hebt es gleich an, diese Melodie zu spielen.« Darauf ertönte wieder das große Gelächter, und es wurde Tag. Wieder ging der Waldmensch davon. Und der Königssohn machte sich daran, jenes Instrument zu suchen. Überall im Raum suchte er nach ihm, fand es aber nicht und getraute sich nicht, weiterzugehen. Beide wagten nicht, den Waldmenschen zu bitten, sie dorthin zu fuhren, wo Menschen wohnen. Später kam der Waldmensch zurück und sagte ihnen, er werde sie zu Menschen fuhren. Er nahm das Instrument, gab es dem wahren Königssohn und sagte: »Ich schenke dir das Instrument. Und du wirst wissen, wie mit dem da umzugehen.« Sie fragten: »Wohin sollen wir gehen?« Er sagte, sie sollten nach einem Land fragen, das man »Das törichte Land mit dem weisen König« nennt. Sie fragten: »In welcher Richtung sollen wir beginnen, nach dem Land zu forschen?« Und er wies ihnen die Richtung mit der Hand: »Dahin!« – Und zum wahren Königssohn sagte er: »Geh in jenes Land, dort wirst du zu deiner Würde gelangen.« Sie machten sich auf den Weg und hätten gern unterwegs irgendein wildes oder zahmes Tier gefunden, um das Instrument daran zu erproben, sie trafen aber auf keines. Erst allmählich kamen sie in eine bewohnte Gegend und fanden ein Tier, legten das Instrument darauf, und die Melodie erklang. Sie gingen weiter, bis sie jenes Land erreicht hatten. Eine Mauer war darum gezogen. Sie gingen viele Meilen daran entlang, bis sie an ein Tor kamen, aber man wollte sie nicht einlassen, denn der König dieses Landes war gestorben. Er hinterließ zwar einen Sohn, hatte aber in seinem Testament folgendes bestimmt: Bisher nannte man das Land »Das törichte Land mit dem weisen König«. Jetzt soll man es umgekehrt nennen: »Das weise Land mit dem törichten König«. Der aber, der es wagemutig unternimmt, dem Land seinen ursprünglichen Namen zurückzugewinnen – d. h., daß man es wie früher »Das törichte Land mit dem weisen König« nennen wird –, der soll sein König werden. Deshalb ließ man nur denjenigen in das Land hinein, der es auf sich nehmen würde, dem Lande seinen ersten Namen wiederzugeben. Man fragte ihn: »Kannst du es auf dich nehmen, dem Land wieder zu seinem ersten Namen zu verhelfen?« Das konnte er sicher nicht auf sich nehmen, also durften sie nicht hinein. Der Knecht redete ihm zu, nach Hause zurückzukehren. Doch er wollte nicht umkehren, denn der Waldmensch hatte gesagt, er solle in dieses Land gehen, dort werde er zu seiner Würde kommen. Indes traf noch ein Mensch ein, der auf einem Pferd ritt und auch in das Land hinein wollte. Auch ihn ließ man nicht ein.

Als der Königssohn das Pferd da stehen sah, nahm er sein Instrument, legte es darauf, und sogleich begann es, die wunderbare Melodie zu spielen. Da bat ihn der Mensch mit dem Pferd inständig, ihm das Instrument zu verkaufen. Er antwortete ihm: »Was könntest du mir schon für ein so wunderbares Instrument geben!?« Aber der andere sagte: »Was willst du denn schon mit diesem Instrument anfangen? Du kannst eine Vorstellung geben und dir damit einen Gulden verdienen. Ich weiß etwas Besseres als dein Instrument. Ich weiß etwas von meinen Vorfahren, das einen befähigt, ein Ding aus dem anderen zu verstehen. Niemandem noch auf der Welt habe ich das mitgeteilt. Dich will ich's lehren, und du wirst mir dafür dein Instrument geben.« Der Königssohn überlegte: »Wohl wahr, es ist etwas ganz Besonderes, wenn man ein Ding aus dem anderen verstehen kann.« Er gab ihm das Instrument, und jener lehrte ihn, ein Ding aus dem anderen zu verstehen. Und nachdem der wahre Königssohn es gelernt hatte, eines aus dem anderen zu verstehen, ging er wieder vor das Tor des Landes. Er hatte begriffen, daß es ihm wohl gelingen könnte, dem Land seinen ursprünglichen Namen zurückzugeben -verstand er doch nun eines aus dem anderen. Daher wußte er, daß es möglich war, wenngleich er noch nicht wußte, wie. Er wird befehlen, daß man ihn einläßt. Er wird versuchen, dem Land den ersten Namen zurückzugewinnen. Was hat er schon zu verlieren! Er sagte den Leuten, sie sollten ihn hineinlassen, er wolle es auf sich nehmen, dem Land den ersten Namen zurückzugewinnen. Man ließ ihn ein und teilte den Fürsten mit, jemand habe sich gefunden, der dem Land den ersten Namen zurückgewinnen wolle. Er wurde vor die Ersten des Landes gebracht, und die sagten ihm: »Du sollst wissen, daß auch wir, Gott bewahre, keine Toren sind. Allein der König, den wir hatten, war ganz außergewöhnlich klug und weise. Gegen ihn waren wir alle Toren. Darum nannte man unser Land ›Das törichte Land mit dem weisen König‹. Der Sohn des Königs ist hier, auch er ist klug und weise, doch verglichen mit uns ist er nicht klug und weise. Also nennt man das Land heute umgekehrt ›Das weise Land mit dem törichten König‹. Das Testament des Königs bestimmt, daß derjenige König werden soll, der es auf sich nimmt, dem Land den ersten Namen zurückzugeben. Seinem Sohn befahl er, die Königswürde an denjenigen abzutreten, der sich dazu fähig findet. Will sagen, wenn jemand sich finden läßt, so klug und weise, daß alle gegen ihn Toren sind. Wisse also, was du auf dich nimmst.« Und weiter sprachen sie zu ihm: »Du wirst geprüft werden, ob du so klug und weise bist. Es gibt einen Garten, den jener weise König hinterlassen hat. Dieser Garten ist etwas ganz Besonderes. In ihm wachsen metallene Werkzeuge und silberne und goldene Geräte – es ist etwas ganz Besonderes. Allerdings kann man diesen Garten nicht betreten. Geht nämlich jemand hinein, so wird er gleich gejagt und gehetzt. Er schreit auf, doch er weiß nicht und sieht nicht, wer es ist, der ihn jagt und hetzt. Er wird so lange gejagt, bis er aus dem Garten flieht. Wir wollen darum sehen, ob du klug und weise genug bist, um in den Garten gehen zu können.« Er fragte sie: »Wird der Mensch, der da hineingeht, geschlagen?« Sie antworteten: »Die Hauptsache ist, daß er gehetzt wird und nicht weiß, von wem. Er muß in Panik fliehen. Das haben die erzählt, die hineingegangen sind.« So machte er sich zu diesem Garten auf. Er sah eine Mauer, die den Garten umgab, das Tor war offen, ohne Wächter – dieser Garten bedarf ihrer gewiß nicht. Er näherte sich dem Garten und blickte sich um. Da sah er neben dem Garten eine Menschengestalt stehen, die Abbildung eines Menschen. Er schaute genauer hin und sah darüber eine Inschrift: Dieser Mensch sei König gewesen vor vielen hundert Jahren, und zu seiner Zeit habe Friede geherrscht. Vor ihm hatte es Kriege gegeben, nach ihm hatte es Kriege gegeben, doch in seinen Tagen herrschte Friede. Er erkannte – verstand er doch eines aus dem anderen –, daß alles von diesem Menschen abhängig war. Wer in den Garten geht und gejagt wird, der muß nicht fliehen; wenn er sich nur neben dieses Menschenbild stellt, wird er gerettet werden. Mehr noch: Nähme man diesen Menschen und stellte ihn mitten im Garten auf, so würden alle diesen Garten in Frieden betreten können. Er machte sich auf und betrat den Garten, und sogleich, als er gejagt wurde, stellte er sich neben den Menschen, der draußen vor dem Garten stand. Er kam unbehelligt und heil heraus, und nichts hatte ihm geschadet. Andere hingegen, die in den Garten gekommen waren, hatten in größter Panik fliehen müssen, waren geprügelt und geschlagen worden. Er aber gelangte heil und in Frieden wieder heraus, weil er sich neben jenen Menschen gestellt hatte. Die Fürsten sahen dies und waren sehr verwundert darüber, daß er heil aus dem Garten gekommen war. Dann befahl er, jenen Menschen zu nehmen und mitten im Garten aufzustellen. So geschah es. Alsdann betraten alle Fürsten den Garten, gingen hindurch und kamen unbehelligt wieder heraus. Sie wandten sich an ihn und sagten: »Wohl haben wir deine Tat gesehen, doch geht es nicht an, dir einzig um dieser Tat willen die Königswürde zu übertragen. Wir wollen dich noch in einer weiteren Sache prüfen. Es gibt noch den Thron des Königs, der vormals herrschte. Dieser Thron ist sehr hoch. Um diesen Thron stehen vielerlei holzgeschnitzte Tiere und Vögel. Vor dem Thron steht ein Bett und neben dem Bett ein Tisch, und auf dem Tisch steht ein Leuchter. Von dem Thron gehen feste, gepflasterte Straßen aus. Sie führen in alle Himmelsrichtungen. Niemand aber kennt die Bedeutung des Thrones und der Straßen, die von ihm ihren Ausgang nehmen. In einer gewissen Entfernung vom Thron ist ein goldener Löwe aufgestellt. Kommt ihm ein Mensch zu nahe, reißt er das Maul auf und verschlingt ihn. Von dem Löwen aus führt die Straße weiter. Ebenso ist es mit den anderen Straßen, die vom Thron ausgehen. So zieht sich eine Straße, die von dort aus in eine andere Richtung geht, ein Stück weit hin, und dann steht da ein anderes wildes Tier, ein Panther, aus anderen Metallen. Auch dort ist es unmöglich, näher heranzutreten. Jenseits des Panthers läuft die Straße weiter. Ebenso ist es bei den anderen Straßen. Sie fuhren weiter und durchziehen das ganze Land. Niemand aber kennt die Bedeutung des Throns mit all diesen Dingen und Straßen. Das soll deine Prüfung sein: Ob du die Bedeutung des Throns und aller Dinge um ihn in Erfahrung bringen kannst.« Sie zeigten ihm den Thron, und er sah, daß er sehr hoch war. Er trat an den Thron heran und betrachtete ihn. Er erkannte, daß der Thron aus demselben Holz geschnitzt war wie jenes Instrument. Er sah genauer hin und bemerkte, daß oben am Thron eine kleine Rosette fehlt. Wäre aber diese Rosette an ihrer Stelle am Thron – er hätte die Macht jenes Instruments. Er sah sich weiter um und erblickte die kleine Rose, die oben am Thron fehlte, unten am Thron. Von dort unten mußte man sie herausnehmen und oben einsetzen – dann wird der Thron die Macht jenes Instruments haben. Der frühere König hatte alles klug und weise eingerichtet und so verstellt, daß niemand verstünde, was er meinte, bis ein außergewöhnlich kluger und weiser Mensch kommen würde, der dieses versteht und alles so einzurichten weiß, wie es gemeint war. Ebenso verhielt es sich mit dem Bett. Er erkannte, daß man's ein wenig von der Stelle, an der es steht, verrücken mußte. Auch den Tisch muß man ein bißchen von der Stelle rücken. Der Leuchter ist ein wenig anders zu stellen, desgleichen die Vögel und das Getier – alle müssen von ihrem Platz verrückt werden.

Diesen Vogel nimmt man von hier und setzt ihn dorthin. Alles muß umgestellt werden. (Denn der König hatte absichtlich alles klug und weise umgestellt, damit kein Mensch verstünde, was gemeint ist, bis nicht jener Kluge und Weise kommen wird, der erkennen kann, daß er alles so ordnen muß, wie es sein soll.) Auch der Löwe, der da steht, wo sich die Straße hinauszieht, muß dort aufgestellt werden. Er befahl, daß alles so geordnet werde, wie es sein soll. Die kleine Rosette solle man unten herausnehmen und oben einfügen, alles ist umzustellen und anders anzuordnen. Als das getan war, begannen alle, jene wundersame Melodie zu spielen und das zu tun, was ihnen aufgegeben und ihnen gemäß war. Da wurde ihm die Königswürde übertragen. Der wahre Königssohn, der König geworden war, wandte sich zum Sohn der Magd und sagte: »Jetzt erkenne ich, daß ich in Wahrheit der Königssohn bin und du der Sohn der Magd.«